Autor Thema: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr  (Gelesen 17192 mal)

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moszkva tér

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[GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« am: 13. Juli 2011, 15:17:29 »
Tschiatura war einst die Stadt mit der größten Manganerzproduktion der Welt. Vor dem Ersten Weltkrieg lieferten die städtischen Bergwerke 40 % der Weltproduktion.
Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Förderung schlagartig zurückgefahren. Um 1990 lebten in der Stadt ca. 30.000 Einwohner. Doch - ich zitiere Wikipedia - "1992 ist in Tschiatura die Gas-, Wasser und Stromversorgung zusammengebrochen. Strom gibt es seit 2004 wieder. Das Gas- und Wasserleitungsnetz ist inzwischen völlig verrottet. Wasser fließt alle 3 - 5 Tage für etwa 30 Minuten. Trinkwasser muss in Kanistern aus Quellen und einigen wenigen Brunnen in der Stadt herbeigeschafft werden. Wohnungen, auch in Hochhäusern, werden mit Holzöfen beheizt. Durch die Situation hat sich die Einwohnerzahl fast halbiert."

Für eine sterbende Stadt ist die Stadt aber durchaus sehr lebendig. Dafür, dass die Menschen seit fast 20 Jahren praktisch am Campingplatz leben, sind sie recht gut drauf. Man sieht den Verfall aber an den großen Plattenbauten, wo viele Wohnungen leerstehen.

Im Stadtverkehr hatte Chiatura ein kleines O-Bus-Netz (eröffnet 1967) mit einer ca. 30 km langen Überlandstrecke nach Sachkhere (eröffnet 1969) - Fotos aus 2006 gibts dort: http://saktransporti.mashke.org/photo/ge-tr-chiatura-sachkhere/tb06/trolleybuses.htm - Leider wurde das O-Bus-Netz 2008 endgültig eingestellt.

Was aber auch im Stadtverkehr einiges hermacht, sind die Seilbahnen, die aufgrund der großen Reliefenergie einen großteil der Stadt erschließen. Hiermit biege ich gerade noch die Kurve zum Tramwayforum: Seilbahnen werden auf englisch auch aerial tramways genannt.  ;)
Ich habe auf die Schnelle ca. 10 Seilbahnen mit Personenverkehr gezählt, nicht alle davon waren (z.Zt meines Besuches) in Betrieb. Mit zweien bin ich gefahren, das war sogar gratis! Mindestens zwei Seilbahntalstationen sind tatsächlich als Umsteigeknoten ausgeführt. Also gehen wir es an!

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Auch diese Station ist ein Umsteigeknoten, die Seilbahn, die nach links weggeht, wurde 1953 erbaut und führt zu einer Siedlung am Berg, die andere Seilbahn zu einem Manganstollen.
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Innen gehts gemächlich zu, die Damen von der Seilbahngesellschaft wirken nicht ausgelastet
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Ein Arbeitsplatz in der Gondel:
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Die Bergstation der 1953 erbauten Seilbahn, bei der Siedlung.
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Die Bergstation nahe eines Manganstollens, mit Arbeitsplatz
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Und beim Manganstollen fährt tatsächlich noch sowas wie eine "Straßenbahn" - aber Vorsicht, die Oberleitung ist nur 1,5 - 2 m über dem Boden  :o
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Nun kommen wir noch zu den Bussen, wenns denn erlaubt ist ;)
Der Schrottkübel macht vor dem Denkmal für die gefallenen Soldaten des Großen Vaterländischen Krieges eine gute Figur.
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Und dieser PAZ-672 ist eigentlich nichts besonderes...
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... aber, da wo normal das Liniensignal sein sollte, wer ist denn das?! Josef Djugashvili, der Stählerne :o :D
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Und um das gesamte Thema Mobilität abzuhaken - für uns noch Utopie, aber hier eine Nachnutzung einer alten Tankstelle:
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Noch das ultimative Rasengleis, der Bahnhof gesehen vom Berg aus:
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Ich hoffe, es hat Freude gemacht!

95B

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Re: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« Antwort #1 am: 13. Juli 2011, 15:22:44 »
Bei dem orangen Bus fallen mir vor allem die Schutzabdeckungen vor den Scheinwerfern auf. Die dürften baugleich sein mit den kleinen Sonnenblenden, wie sie früher im E2 und bis zum Schluss in den E6 zu finden waren (und auch in C1 und allen Triebwagentypen mit der L/F-Schnauze).
Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen!
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Ferry

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Re: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« Antwort #2 am: 13. Juli 2011, 16:32:18 »
Und um das gesamte Thema Mobilität abzuhaken - für uns noch Utopie, aber hier eine Nachnutzung einer alten Tankstelle:
Da hätte ich auf eher auf eine ehemalige S-/Straßen-/Bahnstation getippt.

Ansonsten: schöne Fotos, und unvorstellbar, unter welchen Bedingungen dort Menschen heute noch als Folge des Kommunismus leben müssen!
Weißt du, wie man ein A....loch neugierig macht? Nein? - Na gut, ich sag's dir morgen. (aus "Kottan ermittelt - rien ne va plus")

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Re: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« Antwort #3 am: 13. Juli 2011, 16:43:34 »
unvorstellbar, unter welchen Bedingungen dort Menschen heute noch als Folge des Kommunismus leben müssen!
Georgien galt zu Zeiten des Kommunismus als die wohlhabendste Sowjetrepublik. Die Politik ab 1991 wird also ihr Scherflein dazu beigetragen haben, dass das Land heute so aussieht. ;)
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Re: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« Antwort #4 am: 13. Juli 2011, 16:50:52 »
Die Schewardnadse-Mafia hat's halt ziemlich zu Grunde gerichtet, aber die industrielle Infrastruktur, die der Kommunismus hinterlassen hat, war sicher auch nicht unbedingt eine brauchbare Voraussetzung, um am freien Markt konkurrenzfähig zu sein.
Ich verstehe das Konzept dahinter nicht und bin generell dagegen.

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Re: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« Antwort #5 am: 13. Juli 2011, 17:03:31 »
Uff - ob ich den Mut gehabt hätte, dort gerade mit einer Seilbahn zu fahren? Un*glaub*lich!
Harald A. Jahn, www.tramway.at

Aktuell: Großes Update auf www.tramway.at

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Re: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« Antwort #6 am: 13. Juli 2011, 17:45:34 »
Uff - ob ich den Mut gehabt hätte, dort gerade mit einer Seilbahn zu fahren? Un*glaub*lich!
Das hab ich mir auch als erstes gedacht - alle Achtung, Mut kann man sich nicht kaufen!

Ansonsten tolle Bilder aus einem gottvergessenen Winkel der Welt!  :up:
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darkweasel

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Re: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« Antwort #7 am: 13. Juli 2011, 18:05:10 »
die Schutzabdeckungen vor den Schweinwerfern
Arme Schweine ...

Echt tolle und interessante Reportage! :up:

95B

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Re: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« Antwort #8 am: 13. Juli 2011, 20:23:55 »
die Schutzabdeckungen vor den Schweinwerfern
Arme Schweine ...
Hoppala  :-[ der Schweinwerfer müsste eher ein SUV-Rammbock sein, so was hat der alte Bus natürlich nicht.

Und ad Seilbahn-Mut: Je schlechter ein Werkl in so einer Gegend beinander ist, um so gefahrloser ist es meiner Meinung nach, damit zu fahren, da die Betreiber ob des schlechten Zustandes die Schwachstellen um so besser im Auge behalten. Auch wenn's optisch vielleicht ziemlich abenteuerlich aussieht.
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Re: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« Antwort #9 am: 13. Juli 2011, 23:29:13 »
Am abenteuerlichsten finde ich ja die Fahrleitung dieser Grubenbahn... so eine lose Wäscheleine habe ich noch nie gesehen!

Die Fahrdrahthöhe ist möglicherweise unproblematisch, erinnert sich noch wer an das Video "Beruf: Stromabnehmer"? Das Bügelfeuer aufgrund der eigenwilligen Fahrleitungsgeometrie würde mir mehr Kopfzerbrechen bereiten.
"Sollte dies jedoch der Parteilinie entsprechen, werden wir uns selbstverständlich bemühen, in Zukunft kleiner und viereckiger zu werden!"

(aus einer Beschwerde über viel zu weit und kurz geschnittene Pullover in "Good Bye Lenin")

13er

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Re: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« Antwort #10 am: 13. Juli 2011, 23:38:17 »
Die Fahrdrahthöhe ist möglicherweise unproblematisch, erinnert sich noch wer an das Video "Beruf: Stromabnehmer"?
Das muss man gesehen haben: Albánie hnědouhelný důl / Albanian lignite mine :D :D :D
Mit uns kommst du sicher... zu spät.

Linie 41

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Re: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« Antwort #11 am: 14. Juli 2011, 07:35:27 »
Quasi eine händisch betriebene Choppersteuerung, was der da macht. ;D

Die Trommel zum Ausleeren der Loren finde ich aber genial.
Ich verstehe das Konzept dahinter nicht und bin generell dagegen.

moszkva tér

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Re: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« Antwort #12 am: 14. Juli 2011, 08:49:26 »
Die Fahrdrahthöhe ist möglicherweise unproblematisch, ...
Ich bin kein Elektrotechniker. Aber ich denke doch, dass es böse enden kann, wenn man irrtümlich am Fahrdraht ankommt.

@Video in der Albanischen Kohlengrube: Genial!
Übrigens, das Bügelfeuer rührt auch daher, dass der Fahrer die Geschwindigkeit durch oftmaliges Abziehen und wieder Anlegen die Geschwindigkeit reguliert. Es gibt also keine Fahr- und Bremsstufen, sondern nur eine binäre Steuerung Strom/kein Strom.

Zur wirtschaftlichen Lage in Georgien: Einst eine der wohlhabendsten Sowjetrepubliken, ist nach 1990 einerseits die komplette industrielle Produktion zusammengebrochen - die Fabriksgerippe sieht man immer noch im ganzen Land verstreut - und dann gab es noch mehrere Jahre Bürgerkriege, mit Abchasien und Südossetien sowie auch intern zwischen Staatsführung und Ursupatoren. Am schlimmsten war es unter Präsident Gamsakhurdia gleich nach der Wende. Der wurde dann von Shevardnadze beerbt, nachdem er eines mysteriösen Todes gestorben ist.
Erst unter Saakashvili, der das Präsidentenamt 2003 übernommen hat, hat sich das Land wirtschaftlich und politisch begonnen, zu erholen. Über Saakashvili kann man auch geteilter Meinung sein, aber immerhin hat er das Land etwas modernisiert und die Leute sind auch nicht mehr ganz so pessimistisch.
Die Versorgungslage mit Strom, Gas und Wasser war in den 1990ern, bis in die frühen 2000er, sehr mangelhaft, Langzeitabschaltungen waren selbst in Großstädten die Regel und von den "großen drei" hatte man nie alle gleichzeitig zur Verfügung (z.B. es gab zwar Wasser und Gas, aber keinen Strom usw.). Eine interessante Doku gibts über diese Situation: Power Trip, also wenn ihr zufällig drüber stolpert, unbedingt anschauen! Auf Amazon.uk gibts auch immer wieder DVDs zum Ramschpreis.

Die Situation zwischen 1990 und 2005 hat auch die Bevölkerung sehr demotiviert. Georgien hat in dem Zeitraum 1/4 der Bevölkerung durch Auswanderung verloren, v.A. junge und qualifizierte Leute. Die, die geblieben sind, haben sich auch durch Subsistenzlandwirtschaft über Wasser gehalten - auch heute noch hat jede Familie irgendwo ein Landhaus oder eine Datscha, und die Arbeitslosen und Pensionisten verbringen den ganzen Sommer dort, um Wein, Obst, Wein, Gemüse, Wein, Erdäpfel und Wein anzubauen.  :) Und viele der damals Jugendlichen und jungen Erwachsenen, also Leute, die heute zwischen ca. 35 und 50 sind, sind immer noch total desillusioniert und depressiv, man redet in Georgien von einer "verlorenen Generation". Interessanterweise haben sich aber die Frauen viel besser auf die neuen Bedingungen einstellen können, als Männer.

So, das war jetzt ein politisch-historischer Exkurs.

Revisor

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Re: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« Antwort #13 am: 14. Juli 2011, 10:22:03 »
Die Trommel zum Ausleeren der Loren finde ich aber genial.

Zweckmäßig, aber nicht außergewöhnlich. So etwas hat es in Wien und sicher auch anderswo auch gegeben bzw. gibt es heute noch.

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Re: [GE] Chiatura - Seilbahnen und anderer Stadtverkehr
« Antwort #14 am: 14. Juli 2011, 15:36:34 »
Die Trommel zum Ausleeren der Loren finde ich aber genial.

Zweckmäßig, aber nicht außergewöhnlich. So etwas hat es in Wien und sicher auch anderswo auch gegeben bzw. gibt es heute noch.

Auch für Vollbahnwagen! Als die Eisenbahninfrastruktur noch komplett war, gab es etliche Geräte rund um den Bahngüterverkehr, die man heute garnicht mehr kennt, aber auch heutigen Ansprüchen an Effizienz etc. genügen würden. Ganze Vollbahnwagen konnten zB gekippt werden, dass die Ladung aus den Stirntüren gefalle ist. Es gab Waggonlifte, Seilzüge zum rangieren, Schrägaufzüge für Lok&Wagen, etc...
Harald A. Jahn, www.tramway.at

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