Autor Thema: Dissertation: Governance-Regimes im Öffentlichen Verkehr  (Gelesen 457 mal)

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Tatra83

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Im Rahmen meiner Recherche für den neuen ÖPNV-Vertrag zwischen WL und Stadt bin ich auf eine WU-Dissertation aus 2002 gestoßen, die
Governance-Regime im Öffentlichen Verkehr untersucht hat. Unter anderem wurde dabei auch Wien untersucht.

Hier der Link: http://epub.wu.ac.at/1898/1/document.pdf

Auf der PDF-Seite 185f. befasst sich mit der in Wien nicht dediziert vorhandenen ÖPNV-Kompetenz und arbeitet den Problembereich heraus:
Zitat
Die MA4 ist zuständig für die Wiener Linien, aber in der Rolle als Eigentümervertreter, nicht als Verkehrspolitiker.
Die MA18 ist zuständig für Verkehrsplanung, nicht aber für die Wiener Linien.
Die Wiener Linien machen Angebotsplanung, -bereitstellung, Kontrolle und Weiterentwicklung des Angebots, sind aber keine Behörde, sind also auch nicht zuständig

Ab PDF-Seite 195 beschreibt der Autor Claus Faber da die Situation der Wiener Linien, durchaus auch noch heute zutreffend würde ich sagen:

Zitat
Die Organisationsstruktur der Wiener Linien hat sich durch die Ausgliederung nicht wesentlich verändert. Bis 1990 entsprach das Organigramm der Wiener Linien etwa dem von 1910. Seit der Ausgliederung sind die Wiener Linien in drei Profit Centers von enormer Größe
unterteilt (Verkehr, Fahrzeuge, Infrastruktur). Die Entscheidungsmuster bei den Wiener Linien ähneln denen des Magistrats: Entschieden wird großteils im oberen Management einer sehr steilen Hierarchie. Dazu existiert analog das Muster, den langen Weg die Hierarchien hinauf
und hinunter „quer abzukürzen“, wenn keine Widerstände bestehen. Wenn sich die Beteiligten mit informellen Kontakten schnell einig sind, wird es gemacht, sonst wird der Akt „Chefsache“. Der Prozess der Entscheidungsfindung zeigt daher das Muster eines flexiblen Umgangs mit relativ starren und steilen Hierarchien.

Ebenso:
Zitat
Das Selbstverständnis ist um Grunde genommen nicht definiert, sondern orientiert sich relativ allgemein an den politischen Zielen im Verkehrsbereich der Gemeinde Wien. Primäre Anspruchsgruppe ist der Eigentümer, die MA4. Darüber sind die Wiener Linien indirekt einem
besonderen „Typus“ Kunde verpflichtet: dem Wähler, der die Legitimation des Eigentümers ist. De facto entspricht die Unternehmenspolitik der Wiener Linien dem Muster eines öffentlichen Regiebetriebs mit öffentlicher Aufgabe.

Er sieht außerdem fünf wesentliche Nachteile im ÖV-System (PDF-Seite 222f.):
- Öffentliche Verkehrspolitik ohne Kompetenzzugehörigkeit
- Langfristige Entscheidungen unter unvollständiger Interessenslage
- keine koordinierte Politik auf taktischer Ebene [er meint verkehrsträgerübergreifende Koordination von Fahrplänen)
- fragmentierte Finanzierung
- keine öffentliche Kontrolle und Beeinflussung der taktischen und Betriebsebene (sprich Wiener Linien)

Faber bestätigt im wesentlichen auch den schon aus damaliger Sicht (langfristig gesehen) unfinanzierbaren U-Bahn-Ausbau. Warum? Er argumentiert damit, dass die Erweiterungen des U-Bahn-Netzes stets steigende (Betriebs-)Kosten zur Folge haben und nicht im gleichen Maß neue (zahlende) Fahrgäste generieren können (vor allem, wenn man Straßenbahnen auf U-Bahn umstellt). Je mehr Jahreskartenbesitzer, desto schlechter ist es im Endeffekt für die Wiener Linien, die mit größerem U-Bahn-Netz, den dadurch explodierenden Betriebs- und Instandhaltungskosten und jedoch gleichbleibenden Einnahmen durch die überwiegenden Jahreskartenbesitzer auf ein manifestes Dauerdefizit zusteuern.

Sein Lösungsvorschlag für ein neues Governance-Regime fusst im wesentlichen auf Konsistenz bei Entscheidungswegen, Verkehrspolitik, Finanzierungspolitik und Verantwortlichkeit! (PDF-Seite 228)

18er

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Re: Dissertation: Governance-Regimes im Öffentlichen Verkehr
« Antwort #1 am: 18. März 2017, 16:18:43 »
Sehr, sehr spannendes Thema! Falls du dazu mehr Infos hast, freue ich mich wenn du sie hier veröffentlichst.