Autor Thema: Verkehrsausweitung der WESTbahn Juni / Dezember 2017  (Gelesen 34177 mal)

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Rodauner

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Re: Verkehrsausweitung der WESTbahn Juni / Dezember 2017
« Antwort #270 am: 03. November 2019, 07:28:51 »
Bei der letzten Tarifreform haben die "Experten" des VOR, ähem, ein bissl danebengegriffen, meiner Meinung nach ... Mir war das Zonensystem jedenfalls sympathischer.

Und es wird immer Leute geben, die sich zunächst für Schichtarbeit entscheiden. Wie lange sie aber dann bleiben, wenn sich etwa die Familiensituation ändert, und wie zuverlässig sie sind, ist eine andere Sache.

abc

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Re: Verkehrsausweitung der WESTbahn Juni / Dezember 2017
« Antwort #271 am: 04. November 2019, 08:08:33 »
Deine Darstellung ist zwar nicht falsch, aber einseitig. Ohne die massiven Bestellerkostensenkungen,die in DE durch den Wettbewerb bewirkt wurden, würden heute viele Strecken nicht mehr in Betrieb sein und hätten viele Fahrplanverbesserungen nicht stattgefunden.

Die "massiven Bestellerkostensenkungen" waren halt mittelfristig betrachtet eher eine Milchmädchenrechnung - zumal der Beginn des Wetbbewerbs in einem ganz anderen arbeitsmarktpolitischen Umfeld lag, mit einem großen Arbeitskräfteüberschuss. Natürlich konnten EVU, die wie beschrieben keinerlei Rückfallebene hatten und zugleich ihre Mitarbeiter schlechter bezahlt haben, ihre Leistungen günstiger anbieten.

Weniger wurde gefragt: was hieß das eigentlich für die betroffenen Regionen, wenn die vormaligen DB-Mitarbeiter (als Teile der Mittelschicht) entweder wegziehen oder einen Arbeitsvertrag zu schlechteren Konditionen akzeptieren mussten? So oder so sank die Kaufkraft. Und wie groß ist eigentlich der volkswirtschaftliche Schaden, der inzwischen eintritt, wenn tausende Menschen regelmäßig zu spät zur Arbeit kommen (oder einen Zug eher nehmen, also unausgeschlafener in der Arbeit sind)? Ich bezweifle, dass von den achso großen Einsparungen da noch viel übrig bleibt.

Die Frage ist also, wie viel man eigentlich jetzt, in einem anderen arbeitsmarktpolitischen Umfeld, noch "spart". Und die Babyboomer sind noch nicht in Pension gegangen...

Die logische Antwort ist sicher keine Rückkehr zum Monopol, sondern wie man das Ganze austariert. Ein Fuhrpark, der dem Besteller gehört, ist ein Weg dazu.

Einen Fahrzeugpool haben ja inzwischen einige deutsche Bundesländer (oder beabsichtigen, ihn aufzubauen). Baden-Württemberg denkt sogar über einen Personalpool nach. Denkt man diese beiden Entwicklungen zusammen und zu Ende - wenn sich der Auftraggeber um Fahrzeuge und Personal kümmert, wozu braucht es dann eigentlich noch EVU? Für die Dienstplanung?

Der Arbeitskräftemangel wird sowieso jeden Anbieter treffen.

Eben - die vermeintlichen Einsparungen in Deutschland basieren zu einem Großteil auf einem anderen arbeitsmarktpolitischen Umfeld..

highspeedtrain

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Re: Verkehrsausweitung der WESTbahn Juni / Dezember 2017
« Antwort #272 am: 04. November 2019, 08:32:11 »
@abc

Eine bemerkenswert einseitige, geradezu ideologische Aussage, die die enormen Strukturkosten der alten DB, welche die Privaten nicht hatten, außer acht lässt - die Einsparungen gerade am Anfang sind mitnichten in erster Linie durch „Lohndumping“ zustande gekommen - und außerdem völlig eindimensional davon ausgeht, dass die Wahrung von arbeitsrechtlichen Privilegien ausnahmslos wichtiger ist, als der Ausbau des öffentlichem Verkehrs, der gerade nur deswegen möglich war, weil es eben Wettbewerb gab. Ansonsten hätten die finanziellen Mittel nicht dafür gereicht.

Arbeitsrechtliche und Besoldungsthemen sind im Übrigen natürlich ein guter Anlass für einheitliche tarifäre (kollektivvertragliche) Regelungen, um keinen Wettbewerb zu Lasten der Arbeitnehmer zuzulassen, aber keinesfalls ein Argument gegen Wettbewerb.

Wenn sie das wären, könnten wir sofort alle Wirtschaftssektoren monopolisieren und verstaatlichen.

coolharry

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Re: Verkehrsausweitung der WESTbahn Juni / Dezember 2017
« Antwort #273 am: 04. November 2019, 08:53:33 »
Arbeitsrechtliche und Besoldungsthemen sind im Übrigen natürlich ein guter Anlass für einheitliche tarifäre (kollektivvertragliche) Regelungen, um keinen Wettbewerb zu Lasten der Arbeitnehmer zuzulassen, aber keinesfalls ein Argument gegen Wettbewerb.


Dann fährt das EVU halt mit rumänischen Leiharbeitern die nur solange in Österreich sind, so dass sie nicht nach Österreichischem Kollektiv bezahlt werden müssen.
Oder was in meiner Branche auch eine zeitlang beliebt war: Die Arbeiter offiziell nach Kollektiv entlohnen und die Arbeiter musssten die Differenz, zu dem in ihrem Land üblichen Lohn (inkl. kleiner Aufschlag),  ihrem Arbeitgeber bar zurück geben.

Willst du motiviertes Personal, welches auch länger als ein paar Jahre bleibt, haben willst, dann musst du massiv an der Privilegienschraube und an der Gehaltsschraube drehen. Niemand, wirklich niemand, macht gerne lange einen Job, bei dem man schlechte Arbeitszeiten gepaart mit miesen Vorgesetzten und arschiger Struktur hat. Ausser er hat persönlich irgendwas davon. Und das war früher vorallem das Gehalt und hier vorallem die Zulagen. Klar war das alles nicht toll, wenn ein Fahrer fürs schleichen eine Rolldienstzulage oder sonst irgendeinen Schaß bekommt, der eigentlich nicht notwendig ist, aber für das Grundgehalt allein fährt dir heut halt keiner mehr. Hierzu muss man aber das Besoldungsschema massiv überarbeiten und Überstunden auch wieder bezahlen. Die in meiner Branche üblichen "All-in" Verträge werden über kurz oder lang auch niemand mehr in den Beruf locken.

noniq

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Re: Verkehrsausweitung der WESTbahn Juni / Dezember 2017
« Antwort #274 am: 04. November 2019, 11:04:03 »
Eine bemerkenswert einseitige, geradezu ideologische Aussage, die […] davon ausgeht, dass die Wahrung von arbeitsrechtlichen Privilegien ausnahmslos wichtiger ist, als der Ausbau des öffentlichem Verkehrs

Eine bemerkenswert einseitige, geradezu ideologische Aussage, die davon ausgeht, dass arbeitsrechtliche „Priviliegien“ abgeschafft werden müssen.

(Wobei ich grundsätzlich für eine Abschaffung bin – in Form von Angleichung nach oben.  ;) )

abc

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Re: Verkehrsausweitung der WESTbahn Juni / Dezember 2017
« Antwort #275 am: 04. November 2019, 11:07:17 »
Eine bemerkenswert einseitige, geradezu ideologische Aussage, die die enormen Strukturkosten der alten DB, welche die Privaten nicht hatten, außer acht lässt

Ein Teil dieser enormen Strukturkosten waren aber auch jene Fahrzeuge, auf die Private gern zurückgegriffen haben, wenn die eigenen Fahrzeuge nicht rechtzeitig geliefert wurden. Andere waren beispielsweise noch bei der Bahn arbeitende Beamte - die waren naturgemäß teurer als einfache Angestellte, hatten aber auch den großen Vorteil, nicht streiken zu dürfen. Und sicher gab es auch einen über Jahrzehnte aufgebauten Wasserkopf. Nur hätte man zum Abbau dieser Strukturkosten eben nicht über den Wettbewerb gehen müssen - es ist aber aus politischer Sicht natürlich einfacher, weil man dann Konsequenzen unpopulärer Entscheidungen auf den Markt schieben kann.

Arbeitsrechtliche und Besoldungsthemen sind im Übrigen natürlich ein guter Anlass für einheitliche tarifäre (kollektivvertragliche) Regelungen, um keinen Wettbewerb zu Lasten der Arbeitnehmer zuzulassen, aber keinesfalls ein Argument gegen Wettbewerb.

Wenn sie das wären, könnten wir sofort alle Wirtschaftssektoren monopolisieren und verstaatlichen.

Nein. Denn anders als eine Orangensaftfabrik ist die Bahn

a) Teil der Daseinsvorsorge
b) auf ein Netz angewiesen.

Hinzu kommen relativ hohe Investitionen, die aber nicht beliebig verschoben werden können. All das sorgt dafür, dass die üblichen Marktgesetze hier eben nicht greifen können.

Rodauner

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Re: Verkehrsausweitung der WESTbahn Juni / Dezember 2017
« Antwort #276 am: 04. November 2019, 11:14:40 »
Wahrung von arbeitsrechtlichen Privilegien ...

Ergänzend zum Beitrag von @coolharry sei noch angemerkt, dass es auch die Motivation älterer Mitarbeiter (nicht nur von den Lebensjahren her, aber auch) negativ beeinflusst, wenn versucht wird, über die Dienstzeit erworbene "Privilegien" anzutasten. Beispiele: Arbeitsort nahe Wohnort, familienfreundlichere Arbeitszeiten mit verlässlicheren Dienstschlusszeiten (Reisezüge statt Güterzüge), keine oder nur wenige Auswärtsübernachtungen.

Es ist nicht wegzuleugnen, dass gerade in Berufen mit Schichtdienst die Leistungsfähigkeit mit zunehmendem Alter sinkt. Darauf ist bei der Dienstplanerstellung Rücksicht zu nehmen, wenn ein Betrieb Wert darauf legt, diese wegen ihrer Erfahrung wertvollen Mitarbeiter möglichst lange und mit möglichst wenig Krankenständen zur Verfügung zu haben. Zusammenfassend: Altersgerechte Arbeitsplätze. 8)

highspeedtrain

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Re: Verkehrsausweitung der WESTbahn Juni / Dezember 2017
« Antwort #277 am: 04. November 2019, 14:10:20 »
Nein. Denn anders als eine Orangensaftfabrik ist die Bahn

a) Teil der Daseinsvorsorge
b) auf ein Netz angewiesen.

Hinzu kommen relativ hohe Investitionen, die aber nicht beliebig verschoben werden können. All das sorgt dafür, dass die üblichen Marktgesetze hier eben nicht greifen können.

Das ist mir alles bewusst, ich bin auch der Meinung, dass die Bahn diesbezüglich anders zu behandeln ist, und ja auch wird. Es hat aber das mit den Arbeitsbedingungen nur sehr wenig zu tun, und es ist auch kein durchschlagendes Argument, auf Wettbewerbselemente zu verzichten.

Die "totale Staatsbahn" bis 1990 hat nämlich auch nicht gerade bewiesen, dass sie ihre Daseinsvorsorgeaufgaben besonders gut erfüllt.

Zusammenfassend: Altersgerechte Arbeitsplätze. 8)

Das würde ich nie in Zweifel ziehen, ganz im Gegenteil. Aber gerade das sollte man nicht nur staatlichen Unternehmen vorbehalten...

Rodauner

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Re: Verkehrsausweitung der WESTbahn Juni / Dezember 2017
« Antwort #278 am: 04. November 2019, 14:56:45 »
Zusammenfassend: Altersgerechte Arbeitsplätze. 8)

Das würde ich nie in Zweifel ziehen, ganz im Gegenteil. Aber gerade das sollte man nicht nur staatlichen Unternehmen vorbehalten...

Natürlich nicht. Aber ich habe den Eindruck, dass gerade gewisse "staatliche" Unternehmen in letzter Zeit glauben, sie müssten päpstlicher sein als der Papst, wenn es darum geht, der Belegschaft aus finanziellen Gründen schleichend Verschlechterungen umzuhängen. Leider ist auch der Widerstand der Gewerkschaft dagegen mitunter nur schwach. Dass es sich dabei durchwegs um Unternehmen mit Nähe zur Sozialdemokratischen Partei handelt, die sich als die Arbeiterpartei definiert, ist sowohl besonders ärgerlich, als auch mir unverständlich!