Autor Thema: [IT] Bozen  (Gelesen 2667 mal)

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Kanitzgasse

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[IT] Bozen
« am: 22. Oktober 2018, 21:57:12 »
Nach 70 Jahren soll Bozen nun wieder eine Straßenbahn bekommen. Die Gemeinde und das Land Südtirol haben eine diesbezügliche Vereinbarung getroffen:
https://www.eurailpress.de/news/oepnv/single-view/news/strassenbahn-bozen-land-genehmigt-planung.html
Ein paar schon länger bekannte Details zum Projekt, unter anderem zur Streckenführung:
https://www.stol.it/Artikel/Chronik-im-Ueberblick/Lokal/Bozen-Strassenbahn-auf-Schiene-bringen

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Re: [IT] Bozen
« Antwort #1 am: 23. Dezember 2018, 20:35:10 »
Hier ein aktueller Artikel (ich tausche den Scan noch gegen einen besseren, fürs erste muss es aber reichen). Interssant: Wieder einmal bietet RATPDEV an, das ist ein Ableger der Pariser Verkehrsbetriebe, der schon einige Netze betreibt. Leider kommt man hierzulande nichtmal auf die Idee, die Kompetenzen (ähem, hüstel) weiter zu verkaufen.
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T1

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Re: [IT] Bozen
« Antwort #2 am: 24. Dezember 2018, 02:57:39 »
Auch wenn du die Auslandsaktivitäten der RATP im Forum wiederholt hochlobst, halte ich solche neoliberalen Auswüchse für nicht ganz so ideal: Die lokalen Betriebe brauchen natürlich – gerade wenn sie ganz neu in der Straßenbahnwelt sind – Know-how von außen, aber die mittlerweile weltumspannende Präsenz von Unternehmen wie RATP, Arriva und Trandev halte ich aus verschiedensten Gründen für bedenklich. Die Abhängigkeit von Quasi-Monopolisten ist immer zu hinterfragen, besonders wenn man Themen wie Lohndumping mitdenkt.

Und die RATP selbst wehrt sich ja auch mit Händen und Füßen gegen Konkurrenz am Heimatmarkt. ::)

Man muss nicht bei jeder Mode, die sich Betriebswirte ausdenken, mitgehen. :up:

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Re: [IT] Bozen
« Antwort #3 am: 24. Dezember 2018, 11:02:26 »
Die Abhängigkeit von Quasi-Monopolisten ist immer zu hinterfragen, besonders wenn man Themen wie Lohndumping mitdenkt.

Naja, liegt das am von außen kommenden Betreiber? Die WiLi sind ja auch kein Werktätigenparadies...
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hema

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Re: [IT] Bozen
« Antwort #4 am: 24. Dezember 2018, 13:31:36 »
Geh, die Tintenburg ist doch eh ein Paradies, wo viele gute Werke getätigt werden!   8)
Niemand ist gezwungen meine Meinung zu teilen!

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Re: [IT] Bozen
« Antwort #5 am: 24. Dezember 2018, 14:52:15 »
Mir gehts vor Allem ums Prinzip - Expandieren, breiter aufstellen, Synergien schaffen oder nur passiv verwalten. Als Unternehmer ist mir zweiteres unverständlich.
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Re: [IT] Bozen
« Antwort #6 am: 24. Dezember 2018, 15:50:02 »
Die Abhängigkeit von Quasi-Monopolisten ist immer zu hinterfragen, besonders wenn man Themen wie Lohndumping mitdenkt.

Naja, liegt das am von außen kommenden Betreiber? Die WiLi sind ja auch kein Werktätigenparadies...
Dadurch, dass man Aufträge an Großkonzerne wie die RATP vergibt, schafft man genau solche Möglichkeiten für diese Betreiber. Wieso sind die denn erfolgreich und gewinnen Ausschreibungen? Genau, weil sie Preise drücken können… Logisch: Gerade für Neubetriebe ist es viel teurer, sich selbst Know-how aufzubauen. Aber wenn es irgendwann gar keine lokalen Betreiber mehr gibt, weil sie nicht mitgehen können mit den Konzernen, ist man diesen ausgeliefert. :-\

Mir gehts vor Allem ums Prinzip - Expandieren, breiter aufstellen, Synergien schaffen oder nur passiv verwalten. Als Unternehmer ist mir zweiteres unverständlich.
Die WLB expandieren mit ihrer Cargo-Tochter ziemlich stark. Das hat auch schon zu (mMn berechtigter) Kritik geführt. Bei den WL sehe ich das ähnlich: Wieso soll ein mit Steuergeld finanziertes Unternehmen seine Kräfte anderswo einsetzen? Der Staat bzw. die Stadt finanziert die WL für den Stadtverkehr in Wien. Selbst wenn man argumentiert, man verdient dadurch Geld, was, wenn das einmal nicht der Fall ist? Was, wenn das ganze ein Verlustgeschäft wird? Das Risiko trägt dann der Steuerzahler? Was, wenn die Auslandsaktivitäten aufgrund ihres Geldregens mehr Aufmerksamkeit erregen und der Betrieb in der Heimatstadt zurückbleibt? (Ich rede jetzt aber nicht vom Erfahrungsaustausch mit anderen Städten – der findet ja auch durchaus statt, nur hauptsächlich von Personen, die sich ja mit ihren Ideen eh nicht durchsetzen können) Es war schon richtig, dass der Kern nach seinem Antritt bei den Deutschland-Ausschreibungen der ÖBB auf die Notbremse gestiegen ist: Auftrag der ÖBB ist es, in Österreich Personenverkehrsleistungen zu erbringen. Auch beim nightjet gibt es ja vereinzelt kritische Stimmen, die fragen, wieso die ÖBB mit Steuergeld in Deutschland Züge betreiben muss (Wobei man hier recht einfach argumentieren kann, dass es genau ein Zugpaar ist, das Österreich nicht berührt – welches aber für die Akzeptanz des Produkts in den beiden Nachbarländern sehr positiv ist).

Zu deinem letzten Satz: Nichts gegen Unternehmer (ich bewundere jeden, der das in diesem Land trotz Schikanen macht), aber man sollte öffentliche Unternehmen nicht so sehr aus betriebswirtschaftlicher oder unternehmerischer Sicht betrachten. Es geht um Dienstleistung und Service für die Bevölkerung, erst dann um ökonomische Ziele, aber nicht im Sinne von Gewinn sondern Effizienz. Ganz und gar nicht sollte es um Expandieren nach außen und ewiges Wachstum gehen. Aber das als allgemeingültiges, wünschenswertes Ziel hat sich leider schon zu sehr in unseren Köpfen festgesetzt. ;)

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Re: [IT] Bozen
« Antwort #7 am: 24. Dezember 2018, 16:13:42 »
Die Betrachtung von steuergeldgestützten Betrieben rein durch die betriebswirtschaftliche Brille ist alles andere als wünschenswert, da bin ich ganz bei Dir. Die Problematik ist halt, dass auch mit Steuergeld finanzierte Unternehmen (zumindest im Bereich der "großen" Eisenbahn) sich zunehmend dem freien Markt stellen müssen - nicht, weil sie das unbedingt wollen, sondern weil es durch europarechtliche Vorgaben immer ungewisser wird, ob der Heimatmarkt dem Betrieb selbst auf längere Sicht erhalten bleibt. Die Auswüchse sieht man im Eisenbahn-Personennahverkehr ja bei "fairen wettbewerblichen Verfahren" gemäß PSO-Verordnung in Deutschland und Tschechien, wo die Staatsbahn reihenweise Verkehre an Private verliert, da diese verschiedene Strukturen eines klassischen Staatsbetriebs (hohe Personalkosten, Durchschnittsalter, umständliche Strukturen und Abläufe) in der Form nicht haben. Vor diesem Hintergrund ist es für mich auch leider nachvollziehbar, dass mit Steuergeld gestützte Betriebe beginnen, sich anderso ähnlich zu verhalten wie die gern gescholtenen Privaten im eigenen Land. Das sind eben die politischen Rahmenbedingungen - obgleich meiner Meinung nach der Schienenpersonenverkehr, insbesondere der Nahverkehr, einfach auf einem zu kleinen Markt agiert, um tatsächlich sinnvollen Wettbewerb bieten zu können.

Und wer weiß, vielleicht haben wir irgendwann einmal auch im Stadtverkehr eine Trennung in Infrastruktur und Betrieb sowie Ausschreibungen für einzelne Linienbündel? Vielleicht kann die RATP ja die Linien des Bahnhofs Floridsdorf kostengünstiger betreiben als die WL?  ;)

haidi

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Re: [IT] Bozen
« Antwort #8 am: 25. Dezember 2018, 00:32:37 »
Die Auswüchse sieht man im Eisenbahn-Personennahverkehr ja bei "fairen wettbewerblichen Verfahren" gemäß PSO-Verordnung in Deutschland und Tschechien, wo die Staatsbahn reihenweise Verkehre an Private verliert, da diese verschiedene Strukturen eines klassischen Staatsbetriebs (hohe Personalkosten, Durchschnittsalter, umständliche Strukturen und Abläufe) in der Form nicht haben.
Wobei derartige Betriebe zur Zeit oft massive Personalprobleme und auch deshalb Kursausfälle haben. Die Tfz rennen denen davon, oft wieder zur DB, weil diese besser zahlt.
Alle sagten es geht nicht - dann kam einer, der das nicht wusste und probierte es - und es ging

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Re: [IT] Bozen
« Antwort #9 am: 25. Dezember 2018, 09:44:27 »
Nicht falsch verstehen: Ich bin ein großer Gegner der neoliberalen Idee, Infra und Betrieb zu trennen, um scheinbar "Kostenwahrheit" herzustellen. Dann soll man das bitte auch für den MIV machen! Die Grundversorgungsnetze von ÖV, Post, Wasser, Gas, Strom, aber auch Gesundheit sollten unter staatlicher Regie bleiben, die Trennung vernichtet die nötigen Querfinanzierungen, die die landesweite Versorgung möglich machen. Zumindest in der Theorie - leider haben Post und Bahn in den letzten Jahrzehnten so viel Mist gebaut, dass man dann bereit war, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Dabei ist grad bei der Bahn das Zusammenspiel Fahrweg/Fahrzeug schlecht zu trennen. Aber wenn es nun so eingeführt wurde, sollte man halt das Beste draus machen, insofern gefällt mir, dass die RATP-Gruppe einen Betrieb nach dem anderen in Afrika und Asien eröffnet. Aber vielleicht ist die französische Tramwayidee auch ein exportfähiger Sonderfall, der als Gesamtpaket einfach überzeugt. Und was spricht dagegen, das Beste aus den Ressourcen zu machen, die man zur Verfügung hat, zum Vorteil der eigenen Wirtschaft? Die Franzosen verkaufen ja im Paket alles bis hin zu den Designern, den Zulieferern, der sonstigen Ausrüstern...

https://www.ratpdev.com/en/expertises

Zu Wien: Da gibts ja immer einen Aufschrei, wenn das Wasser privatisiert werden soll. Zu recht, bin auch sehr dagegen! Aber warum baut man nicht langsam ein paralleles Brauchwassernetz auf und füllt das überschüssige Hochquellenwasser in verkaufbare Flaschen - man brauchte keine Firmen wie Nestle, um so ein Geschäft zu machen, und mir wäre lieber, wir haben ein Exportgeschäft, als wir lassen wertvolles De-Facto-Mineralwasser in die Donau rinnen... Das meine ich eigentlich mit unternehmerischer Denkweise, aber das ist bei den Wiener Linien, wo jedes "Thinking outside the box" schwer verpönt ist, wohl eher Wunschdenken.
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haidi

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Re: [IT] Bozen
« Antwort #10 am: 25. Dezember 2018, 10:50:01 »
Zu Wien: Da gibts ja immer einen Aufschrei, wenn das Wasser privatisiert werden soll. Zu recht, bin auch sehr dagegen! Aber warum baut man nicht langsam ein paralleles Brauchwassernetz auf und füllt das überschüssige Hochquellenwasser in verkaufbare Flaschen - man brauchte keine Firmen wie Nestle, um so ein Geschäft zu machen, und mir wäre lieber, wir haben ein Exportgeschäft, als wir lassen wertvolles De-Facto-Mineralwasser in die Donau rinnen... Das meine ich eigentlich mit unternehmerischer Denkweise, aber das ist bei den Wiener Linien, wo jedes "Thinking outside the box" schwer verpönt ist, wohl eher Wunschdenken.
Ich habe ein Buch über die Hochquellenleitungen gelesen, dass die Bürgermeister der Quellgebiete der 1. Hochquellenleitung das Wasser wegen der schrecklichen Zustände der Wiener Wasserversorgung gratis zur Verfügung stellten und das Wasser deshalb nicht kommerziellen verwertet werden darf. So gibt es außer im Bereich des ehemaligen Groß-Wiens nur Wassertauschverträge, z.B. mit Neunkirchen, wo ein höher liegendes Siedlungsgebiet von der Hochquellenleitung versorgt wird (um Neunkirchen ein Pumpkraftwerk zu ersparen), dafür Neunkirchen sein Wasser in die Hochquellenleitung einspeist.
In erster Linie würde ich die Einsparungen durch Brauchwasserleitungen wieder den Wienern zu Gute kommen lassen und Wassereinspeisungen von minderer Qualität abstellen. Mein Schwager, der auf der Überplattung der A22 wohnt, trinkt hier in Ternitz immer nur Wasser, weil das so gut ist, bei ihm "nicht zu trinken" ist.
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coolharry

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Re: [IT] Bozen
« Antwort #11 am: 25. Dezember 2018, 11:06:10 »
Zu Wien: Da gibts ja immer einen Aufschrei, wenn das Wasser privatisiert werden soll. Zu recht, bin auch sehr dagegen! Aber warum baut man nicht langsam ein paralleles Brauchwassernetz auf und füllt das überschüssige Hochquellenwasser in verkaufbare Flaschen - man brauchte keine Firmen wie Nestle, um so ein Geschäft zu machen, und mir wäre lieber, wir haben ein Exportgeschäft, als wir lassen wertvolles De-Facto-Mineralwasser in die Donau rinnen... Das meine ich eigentlich mit unternehmerischer Denkweise, aber das ist bei den Wiener Linien, wo jedes "Thinking outside the box" schwer verpönt ist, wohl eher Wunschdenken.
Ich habe ein Buch über die Hochquellenleitungen gelesen, dass die Bürgermeister der Quellgebiete der 1. Hochquellenleitung das Wasser wegen der schrecklichen Zustände der Wiener Wasserversorgung gratis zur Verfügung stellten und das Wasser deshalb nicht kommerziellen verwertet werden darf. So gibt es außer im Bereich des ehemaligen Groß-Wiens nur Wassertauschverträge, z.B. mit Neunkirchen, wo ein höher liegendes Siedlungsgebiet von der Hochquellenleitung versorgt wird (um Neunkirchen ein Pumpkraftwerk zu ersparen), dafür Neunkirchen sein Wasser in die Hochquellenleitung einspeist.
In erster Linie würde ich die Einsparungen durch Brauchwasserleitungen wieder den Wienern zu Gute kommen lassen und Wassereinspeisungen von minderer Qualität abstellen. Mein Schwager, der auf der Überplattung der A22 wohnt, trinkt hier in Ternitz immer nur Wasser, weil das so gut ist, bei ihm "nicht zu trinken" ist.
Das liegt zu 99% nicht am Stadtwasser sondern an der Verteilung innerhalb des Gebäudes. Die ist oft der Grund warum Leute übers Leitungswasser schimpfen.
Das Glück ist ein Vogerl. Wenns knallt ist es weg.

Helga06

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Re: [IT] Bozen
« Antwort #12 am: 25. Dezember 2018, 11:10:17 »
Jetzt seid immer aber schon sehr, sehr weit weg vom Thema.