Autor Thema: Elektrische Stadtbahn  (Gelesen 90980 mal)

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diogenes

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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #195 am: 19. Februar 2026, 03:04:44 »
Interessante Idee. Kürzere Teilwagen mit Jacobs-Drehgestellen wären aber sicher auch machbar gewesen.
Ceterum censeo in Vindobona ferrivias stratarias ampliores esse.
Oh 8er, mein 8er!

martin8721

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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #196 am: 20. Februar 2026, 08:52:50 »
Von Carl Hochenegg, Professor an der TH Wien, gab es Vorschläge für sechsachsige Doppeltriebwagen (vorne ein Triebdrehgestell, hinten eine Achse) und zweiachsige Beiwagen dazwischen. Zwischen den Achsen waren Niederflurbereiche vorgesehen.

Vorschlag 1910 mit Doppeltriebwagen: https://www.tramway.at/plaene/Stadtbahn/1910-xx-xx%20Stadtbahntriebwagen%20Hochenegg.jpg

Vorschlag 1923 mit TW+BW+TW: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?aid=emb&datum=1923&page=741

Über das Entwurfsstadium dürfte das nie herausgekommen sein.

Das wären wirklich sehr interessante Fahrzeuge gewesen!  :up:
Mit den T ist das ja bis zu einem gewissen Grad dann tatsächlich auch verwirklicht worden.

Tramwayhüttl

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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #197 am: 20. Februar 2026, 12:16:49 »
Sehr zukunftsweisend.
Auch die ersten S-Bahn-Versuchswagen in Berlin (Bauart "Bernau") verfolgten ein ähnliches Konzept, jedoch mit längeren Zügen.
Schade, dass es dann wieder zu einem "österreichischen Provisorium" kam.
Bitte seien Sie achtsam! Zwischen Ihren Ohren befindet sich nichts als Luft.

fr3

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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #198 am: 20. Februar 2026, 14:38:14 »
Das wären wirklich sehr interessante Fahrzeuge gewesen!  :up:
Mit den T ist ja bis zu einem gewissen dann tatsächlich auch verwirklicht worden.
Jein. Die vorgeschlagenen Wagen hätten laut Beschreibung durchgehende Einzelachsen gehabt. Ich bezweifle, dass es damals bereits Einzelradaufhängungen für Schienenfahrzeuge gab. Allerdings war der Vorschlag für Niederflurfahrzeuge damals vorausschauend, wenn auch nicht ganz neu (Budapest hatte Niederflur bei der U-Bahn bereits 1896). Grund war die Absicht, an den Bahnsteigen nach Möglichkeit nichts zu verändern. Lediglich die Bahnsteige zwischen Heiligenstadt und Kritzendorf sowie zwischen Hütteldorf und Purkersdorf hätten leicht angehoben werden sollen.
Link zum Text in der Zeitschrift Elektrotechnik und Maschinenbau 1923

Andere zeitgenössische Stadtschnellbahnen (Berlin Typ B1, Neapel Typ E.40) hatten Vierachser, Berlin hohe Bahnsteige und Neapel Stufen.
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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #199 am: 20. Februar 2026, 14:58:23 »
Sehr zukunftsweisend.
Auch die ersten S-Bahn-Versuchswagen in Berlin (Bauart "Bernau") verfolgten ein ähnliches Konzept, jedoch mit längeren Zügen.
Schade, dass es dann wieder zu einem "österreichischen Provisorium" kam.

Nicht ganz. Die Versuchszüge A-E, nach denen die Züge Bauart "Bernau" gebaut wurden (das waren schon Serienwagen), hatten zwei vierachsige TW und dazwischen drei zweiachsige BW, aber keinen Niederfluranteil (bei hohen Bahnsteigen nicht notwendig) und waren im Betrieb eine Notlösung (Fahrverhalten der BW in Kurven, insbesondere S-Kurven, schwache Motorisierung nur durch ein Triebdrehgestell pro TW, das einen höheren Fußboden erzwang). Der Versuchszug F wäre mit seinen Jakobsdrehgestellen eher ein Vorbild gewesen, aber das Problem der schwachen Motorisierung gab es dort auch, und da es damals keine angetriebenen Jakobs-Drehgestelle gab, hätte man es gar nicht wie bei der Bauart "Bernau" nach dem 2. Weltkrieg lösen können (Einbau zweier Triebdrehgestelle pro TW).
o_O

N1

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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #200 am: 20. Februar 2026, 22:32:58 »
Vielleicht hätte Hochenegg mit einem fortschrittlicheren Fahrzeugdesignvorschlag mehr Anklang gefunden, denn ich glaube, die politischen Entscheidungsträger waren damals wohl genauso ahnungslos und oberflächlich, wie es die heutigen sind.
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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #201 am: 21. Februar 2026, 15:13:02 »
Sein Konzept umfasste die Elektrifizierung nach Vollbahnmaßstäben und durchgehende Züge nach Purkersdorf und Kritzendorf - und dazu hätten die BBÖ mitspielen müssen, die in der Zwischenkriegszeit nur in Westösterreich elektrifizierten.
o_O

N1

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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #202 am: 21. Februar 2026, 17:02:07 »
Der Bund selbst hat von der Stadt Wien die Elektrifizierung der Eisenbahnstrecken nach Purkersdorf und Kritzendorf nach dem System der Elektrischen Stadtbahn (d.h. mit geringem Aufwand auf Vollbahntauglichkeit adaptierbar) gefordert. Und die BBÖ standen im direkten Einflussbereich des Bundes. Siehe unter anderem hier mit Quellenangabe in den Fußnoten.
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Hans Rauscher

nord22

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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #203 am: 28. März 2026, 18:04:03 »
N1 2952 + n2 + n2 + n2 + N1 der Linie GD in der Station Stadtpark (Foto: Maurits van den Toorn, 25.03.1978). Der Umbau auf U-Bahnbetrieb war schon voll im gange. Am 15. August 1978 wurde hier die U4 in Betrieb genommen.

LG nord22

fr3

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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #204 am: 29. März 2026, 16:29:50 »
Wunderbares Bild, Danke. Es zeigt so viele interessante Details:
- die kuriosen Rechtecke für die provisorische Aufhängung der Fahrleitung. Die alten Masten in Gleismitte müssten entfernt werden, um Platz für die Stromschienen zu schaffen.
- die hölzernen, provisorischen Bahnsteige, die dann bei der Umstellung auf U-Bahnbetrieb innerhalb eines Wochenendes aufgedoppelt wurden
- Wie man am rechten Bahnsteig sieht, wurde der Perron bereits in der hinteren Hälfte auf U-Bahn-Niveau angehoben. Auch das alte Bahnsteigdach wurde zu diesem Zweck angehoben, wie man an den Sockeln erkennen kann - leider nur in der Haltestelle Stadtpark. Bei allen anderen Otto-Wagner-Stationen im Wiental wurde es beseitigt und durch ein neuartiges Dach ersetzt.
- der 3er am linken Bildrand: dort musste ein Drei-Wagen-Zug halten, um nicht zu weit vom Aufgang entfernt stehen zu bleiben. Es gab Tafeln für alle Zuglängen, wenn ich mich Recht erinnere. Es herrschte noch Linksfahrbetrieb. Bei den Kurzzügen im frühen U-Bahnbetrieb musste man später den halben Bahnsteig lang laufen, da diese immer am Signal am Bahnsteigende zum Stehen kamen.
- die rostigen Stromschienen in der Mitte: da ich damals praktisch täglich mit der Stadtbahn zur Schule fuhr, beobachtete ich akribisch den Baufortschritt. Zuerst wurden die Halterungen ausgeteilt und etwa alle 10 Schwellen inklusive Schrauben für die Montage vorbereitet. In der nächsten Phase wurden sie an den Holzschwellen befestigt.

Danach wurden die rostigen Stromschienen ausgeteilt und zunächst am Boden abgelegt. Danach folgte ihre Montage, wobei die einzelnen Schienen noch an den Anschlüssen frei herumhingen. Sodann wurden sie verschweißt. Ebenso wurden bei den Unterbrechungen unterirdische Kabel für die lückenlose Stromversorgung verlegt und mit den Schienen verschraubt. Die Endstücke der Schienen waren leicht nach oben gebogen, um ein sanftes Ansetzen der Stromabnehmer zu ermöglichen.

Dann wurden die gelben Abdeckungen ausgeteilt. Es gab lange Stücke für die Schienen und eigene Kappen für die Aufhängungen bei den Halterungen. Nach und nach wurden dann die Abdeckungen montiert, wobei zunächst noch ein paar Stücke fehlten, für die offenbar Sonderanfertigungen oder kürzere Elemente notwendig waren. Schließlich waren die Stromschienen fertig und strahlten in frischem Gelb. Heute sind sie stark verschmutzt. Nun wurden noch zwei schwarze Kabel in der Gleismitte verlegt und an den Schwellen befestigt. Die dien(t)en dem Zugbeeinflussungssystem.
- die ältere Dame mit Hut und Mantel gehörte damals auch zum Alltagsbild.

Die Arbeiten zogen sich über mehrere Wochen hin, weil ja immer nur in der Nacht nach Betriebsschluss gearbeitet werden konnte. Endlich war die U-Bahn-Strecke bereit und ich konnte es kaum erwarten, bis der erste U-Bahnzug fuhr. Dass es auf einmal keine Stadtbahn mehr geben würde, daran habe ich damals nicht gedacht. Die fuhr ja noch lange Jahre am Gürtel...



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Klingelfee

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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #205 am: 29. März 2026, 17:12:14 »
Bei den Kurzzügen im frühen U-Bahnbetrieb musste man später den halben Bahnsteig lang laufen, da diese immer am Signal am Bahnsteigende zum Stehen kamen.

Ich weiß nicht wie lange das der Fall war, aber so weit ich mich zurück erinnern kann blieben die Kurzzüge so stehen, dass die Fahrgäste eben nicht den halben Bahnseig ablaufen mussten, um in den Zug einsteigen zu können.

Dafür gibt es auf den Silberpfeilen auch noch immer den Zuglängenschalter, damit der Zug entsprechend den Kurzzughaltepunkt eingehalten hat.
Bitte meine Kommentare nicht immer als Ausrede für die WL ansehen

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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #206 am: 29. März 2026, 17:28:23 »
Bei den Kurzzügen im frühen U-Bahnbetrieb musste man später den halben Bahnsteig lang laufen, da diese immer am Signal am Bahnsteigende zum Stehen kamen.

Ich weiß nicht wie lange das der Fall war, aber so weit ich mich zurück erinnern kann blieben die Kurzzüge so stehen, dass die Fahrgäste eben nicht den halben Bahnseig ablaufen mussten, um in den Zug einsteigen zu können.

Ich nehme an, fr3 meint Stadtbahn-Kurzzüge auf den noch nicht umgestellten U4-Abschnitten.
Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen!
... brrrr, Klumpert!
Entklumpertung des Referats West am 02.02.2024 um 19.45 Uhr planmäßig abgeschlossen!

Klingelfee

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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #207 am: 29. März 2026, 17:47:46 »
Bei den Kurzzügen im frühen U-Bahnbetrieb musste man später den halben Bahnsteig lang laufen, da diese immer am Signal am Bahnsteigende zum Stehen kamen.

Ich weiß nicht wie lange das der Fall war, aber so weit ich mich zurück erinnern kann blieben die Kurzzüge so stehen, dass die Fahrgäste eben nicht den halben Bahnseig ablaufen mussten, um in den Zug einsteigen zu können.

Ich nehme an, fr3 meint Stadtbahn-Kurzzüge auf den noch nicht umgestellten U4-Abschnitten.

Er schreibt aber ....Kurzzügen im frühen U-Bahnbetrieb ....

Daher ist meine Frage, ob in seiner Erinnerung die U-Bahn Kurzzüge bis vor gefahren sind? Mir ging es da nicht um die Kurzzüge der letzten Betriebwochen der Stadtbahn.
Bitte meine Kommentare nicht immer als Ausrede für die WL ansehen

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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #208 am: 29. März 2026, 18:44:16 »
Daher ist meine Frage, ob in seiner Erinnerung die U-Bahn Kurzzüge bis vor gefahren sind? Mir ging es da nicht um die Kurzzüge der letzten Betriebwochen der Stadtbahn.

Erinnerlich sind sie am Anfang bis zum weiteren Bahnsteigende gefahren, es gab ja nur dort die Abfertgungsmonitore. Später hat man dann am Haltepunkt Spiegel aufgestellt, dann stoppten die Züge passend.
Harald A. Jahn, www.tramway.at

Nulltarif

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Re: Elektrische Stadtbahn
« Antwort #209 am: 29. März 2026, 19:55:54 »
Das mit den Monitoren stimmt vermutlich, denn von der LZB her waren die unterschiedlichen Haltepunkte von Anfang an vorgesehen. (Teilweise gibt es immer noch Haltepunkt-Markierungsschilder auf der Stromschiene.)

Zuerst wurden die Halterungen ausgeteilt und etwa alle 10 Schwellen inklusive Schrauben für die Montage vorbereitet. In der nächsten Phase wurden sie an den Holzschwellen befestigt.
Die Stromschienen-Halter sitzen i.d.R. auf jeder neunten Schwelle (sieht man auch gut in den Bildern von @tramway.at). Und nach wenig erfolgreichen Tests der Bettung von Holzschwellen mit Gummikappen in Beton noch während des Stadtbahnbetriebs im Bereich Wienfluss/Landstraße wurden beim U-Bahn-Bau bereits sehr erfolgreich Kunststoffschwellen (m.W. aus PU) verbaut.
Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe. (Dalai Lama)