Autor Thema: Verkehrspolitik der Rot-Pinken Koalition  (Gelesen 91824 mal)

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hema

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Re: Verkehrspolitik der Rot-Pinken Koalition
« Antwort #735 am: 07. Dezember 2021, 10:28:46 »
Das Verkehrsaufkommen auf der Tangente wird durch den Lobautunnel keinen Deut geringer!
Niemand ist gezwungen meine Meinung zu teilen!

95B

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Re: Verkehrspolitik der Rot-Pinken Koalition
« Antwort #736 am: 07. Dezember 2021, 10:36:49 »
Das Verkehrsaufkommen auf der Tangente wird durch den Lobautunnel keinen Deut geringer!

Aber das Verkehrsaufkommen in der Stadt steigt dafür an! So viel zur "Entlastung".
Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen!
... brrrr, Klumpert!

44er

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Re: Verkehrspolitik der Rot-Pinken Koalition
« Antwort #737 am: 07. Dezember 2021, 11:04:02 »
Das Argument Verkehrsentlastung durch neue Straßen ist ein Scheinargument, denn nach spätestens 10-15 Jahren geht der Effekt verloren, und es wird weiterer Straßenausbau verlangt.
Leider ist die zu Verkehrspolitik immer noch zu sehr Auto orientiert und zwar bei allen Parteien, deswegen wird sich auch nicht so schnell etwas ändern.

Bus

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Re: Verkehrspolitik der Rot-Pinken Koalition
« Antwort #738 am: 07. Dezember 2021, 11:35:53 »
Das glauben aber allerdings dennoch viele SPÖ Wähler. Jedenfalls wird Wien dann noch heißer...

D 3XX

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Re: Verkehrspolitik der Rot-Pinken Koalition
« Antwort #739 am: 07. Dezember 2021, 22:00:02 »
Für die Lebensqualität entlang der Tangente wäre das sinnvoll...
Die Lebensqualität entlang der Tangente lässt sich nur durch einen (Teil-) Rückbau nachhaltig verbessern.
So ist es. Der kapitale Irrtum ist ja, dass man glaubt, dass man diese Problem nur mit noch mehr Straßen beseitigen könnte. Dabei erreicht man dadurch nur das Gegenteil.
D 3XX

abc

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Re: Verkehrspolitik der Rot-Pinken Koalition
« Antwort #740 am: 06. Januar 2022, 13:52:18 »
Ich habe mal in den passenden Thread gewechselt:

Andererseits: Wenn hier von @abc Stellplatznachweis gefordert wird, dann soll er auch sagen, dass es wohl seine bevorzugte politische Gruppierung war, die die Stellplatzverpflichtung gelockert hat, die Idee der möglichst autolosen Stadt nicht gelungen ist (siehe Seestadt, obwohl dort schon die U2 als wirklich leistungsfähiges Verkehrsmittel war, bevor intensiv gebaut wurde, also wie hier immer gefordert: Angebot war vor der Nachfrage da!).

Die Seestadt zeigt aber auch vor allem, dass man in Stadtpolitik und -verwaltung Angst vor der eigenen Courage bekommen hat und deshalb das Konzept nicht bis zum Ende durchzieht.

Und ja, die Stellplatzverpflichtung beim Bau von Wohnungen ist Unsinn und in mehrfacher Hinsicht kontraproduktiv: sie treibt die Baukosten nach oben, was sich dann in den Mieten niederschlägt (aller Mietparteien, nicht nur der autofahrenden, so viel zur Quersubventionierung) und setzt im alltäglichen Verhalten falsche Anreize, weil das Auto direkt in der Wohnhausanlage (bzw. im eigenen Haus) verfügbar ist, während zur nächsten Station im Regelfall ein Fußweg erforderlich ist. Ich sehe es übrigens an "meiner" eigenen Wohnhausanlage: in die Garage kommt man direkt vom Hof, zum Billa, zur S-Bahn und zum Bus muss man Zick-Zack gehen, weil der Planung nur an Leute gedacht wurde, die die Anlage per Auto verlassen, und deshalb an einer entscheidenden Stelle eine Stiege fehlt. Es ist so absurd, dass Mieter/innen, die es wagen, keinen Autostellplatz gemietet zu haben, natürlich auch nicht durch die Abstellanlege gehen dürfen und deshalb 150 m Umweg gehen müssen (hin und zurück also 300 m), um den Mist wegzubringen. Die Anlage wurde übrigens unter Wohnbaustadtrat Michael Ludwig errichtet, so viel zum Thema "Klimamusterstadt".

Wenn also die Wohnhausanlage eine Garage hat und alle benachbarten auch, ebenso wie der gegenüberliegende Gewerbebetrieb über Parkflächen verfügt, könnte man ja wenigstens im öffentlichen Straßenraum auf Parkplätze verzichten. Selbstverständlich ist das nicht der Fall. Und so ist die Garage, die alle Mietparteien mitfinanzieren, halb leer, während der öffentliche Straßenraum komplett zugeparkt ist, und natürlich sind die Parkplätze im öffentlichen Raum sakrosankt.

Aber natürlich, diese Stellplatzverpflichtung beim Wohnungsbau aufzuheben reicht nicht, eben deshalb müsste als begleitende Maßnahme ein Stellplatznachweis bei der Autoanmeldung erforderlich sein. Aktuell geht es so weit, dass sogar Firmen den Straßenraum als billige Abstellfläche für ihren Fuhrpark missbrauchen: in der Erdbergstraße sind regelmäßig Fernbusse abgestellt (meist Subunternehmen einer gewissen grünen deutschen Fernbusgesellschaft), und bei mir in der Gegend unzählige LKWs (!) und Lieferwagen von Textilwäschen, Sanitärausstattern und sogar einem bekannten extragroßen Möbelhaus. Dauerhaft, die stehen eigentlich immer an ihren Stellen, wenn ich vorbeikomme. Darf ich eigentlich, wenn ich eine Druckerei aufsperre, die Druckmaschinen auch einfach auf der Straße abstellen, wenn ich sie gerade nicht brauche, oder gilt das nur für mobile Produktionsmittel? Und könnten die Wiener Linien nicht viel Geld sparen, wenn sie die Busse, die gerade weder gebraucht noch repariert werden, einfach im öffentlichen Straßenland abstellten?

Und der Wocheneinkauf einer vierköpfigen Familie lässt sich nicht im Korb zu Fuß nach Hause tragen. Da wäre ein Paradigmenwechsel des Einkaufs "Weg von den Supermärkten hin zum lokalen Geschäft" notwendig.

Richtig, wobei das lokale Geschäft natürlich ein Supermarkt sein sollte. Aber eben mehrere kleine Einkäufe über die Woche verteilt statt eines großen vorm Wochenende, ergänzt um gelegentliche Lieferungen oder Fahrten mit dem Auto in den Supermarkt für schwere/sperrige Erledigungen.

Im übrigen würde ich als Politiker natürlich das Auto fördern - ist doch eine echte cash-cow (siehe neue Parkpickerlregelung), oder  ;) ... Radfahrer zahlen keine Verkehrsabgaben und Wegekosten, von einer CO2 abgabe wegen vermehrten Atemausstoßes beim Radfahren ganz zu schweigen.

Das ist sehr eindimensional betrachtet. Die gesellschaftlichen Kosten des Autoverkehrs sind sehr viel höher. Allein schon, wenn man überlegt, dass dank Klimakrise Katastrophen wie im Ahrtal künftig häufiger vorkommen, bekommt man eine ansatzweise Vorstellung davon, was uns alle der Klimawandel kostet. Für Radinfrastruktur braucht man übrigens auch keine Autobahnen, die mehrere hundert Millionen Euro kosten. Radinfrastruktur ist im Großen und Ganzen überhaupt notwendig, weil ein Großteil der Autofahrenden schlicht unfähig ist. Wenn man sich darauf verlassen könnte, beim einfachen Benutzen der Fahrbahn, auch auf Hauptstraßen, sicher am Ziel anzukommen, bräuchte es fast nirgendwo Radwege.

Es geht nur miteinander. Sachlich und koordiniert.

Dieses elende "Miteinander" wird von Beton-Ulli & Co nur missbraucht, um die Privilegien des Autoverkehrs aufrechtzuerhalten. Um das Bild von vorhin nochmal aufzugreifen: es ist so, als wenn der Sklaventreiber, seinen Sklaven, die nun drei Mahlzeiten pro Tag essen wollen und zwischendurch Wasser bekommen möchten, entgegnet, die Situation müsse man "miteinander" lösen.

abc

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Re: Verkehrspolitik der Rot-Pinken Koalition
« Antwort #741 am: 06. Januar 2022, 14:15:02 »
Also irgendwie tun wir ja hier so, als hätte es das alles nie gegeben!

Denkt mal an den Bau der  Ringstraße, das war das Automobil bestensfalls in den Kinderschuhen, dazu hat man eine "Umfahrung" gebaut: Die Lastenstraße! Und mit der Stadterweiterung ebenfalls eine Umfahrungsstraße: Den Gürtel. Und dazu noch die Höhenstraße!

Die Vergleiche hinken: Lastenstraße und Gürtel waren dennoch in den urbanen Raum eingebundene Straßen mit direkten Anrainern, Stadtstraßen eben, und keine Autobahnen, die noch nicht mal Gehsteige oder Radwege haben (und das auch nicht brauchen). Und die Höhenstraße hat historisch einen komplett anderen Hintergrund, nämlich Arbeitsbeschaffung und (automobile) Tourismusförderung.

Natürlich ist schon klar, dass es auch Straßen in Neubaugebiete geben muss (allein für Baufahrzeuge, städtische Dienstleistungen und Blaulichtorganisationen), aber es wird ja immer so getan, als würde irgendwer Feldwege in die Seestadt fordern. Das tut ja niemand, indem er die Notwendigkeit einer Autobahn in Frage stellt.

Die Stadt weitet sich aus, "Bettgeher" im klssischen Sinn gibt es nicht mehr, also braucht es auch mehr Wohnraum = mehr Fläche, auch wenn wir im bereits verbauten Gebiet deutlich mehr in die Höhe bauen (siehe der Wohnklotz in der Leyserstraße). Sind die Menschen in diesen kleinen Hochhäusern zufrieden?

Ja, klar, die Frage ist allerdings, ob es dafür eine Autobahn braucht. GERADE weil die Stadt wächst, ist es doch dumm, auf den flächenintensivsten Verkehrsträger zu setzen.

Freilich: Es gab auch Arbeitsplätze um's Eck, der tägliche Einkauf konnte nur dort erledigt werden! Und wenn es was Außergewöhnliches (Gewand, Möbel, Werkzeug) zu kaufen gab: Die lokalen Einkaufsstraßen konnten hier ein reiches Warenangebot bieten. Alles mehr oder weniger Geschichte. Leben, Arbeiten und Einkaufen wurde drastisch "entflochten", was einfach eo ipso mehr Verkehr bedeutet.

Da sind wir aber auch bei einer Henne-Ei-Frage, denn gerade durch den (Auto-) Verkehr ist diese Trennung ja auch vorangetrieben worden. Die räumliche Trennung von Wohnen und Arbeiten (nicht nur für den einzelnen, auch gesamtstädtisch) war ja sogar über Jahrzehnte sogar prägendes Leitbild in der Stadt- und Raumplanung. Und in der Entstehungszeit war das ja auch absolut logisch, man hatte immerhin irgendwelche Mietskasernen oder Baracken neben Industriegebieten aus dem 19. Jahrhundert vor Augen. Nur hat man eben die Folgen dieser Funktionstrennung nicht zu Ende gedacht, und in vielen Bereichen haben sich die ursprünglichen Beweggründe ja auch erübrigt.

Auch in Hinsicht Nahversorgung war man in der Seestadt relativ vorbildlich, der "Spar" hat ja ziemlich am Anfang geöffnet und in der ersten Zeit wahrscheinlich mehr Leberkässemmeln an Bauarbeiter als alles andere verkauft, und es gab/gibt ja sogar ein Geschosszonenmanagement. Aber leider ist die Seestadt auch für Wien nicht repräsentativ: wenn ich z.B. ans Gaswerk Leopoldau oder den Barbara-Prammer-Hof denke, ist hier nicht nur die ÖV-Anbindung miserabel, es gibt auch keinen Supermarkt. Wie da wohl das Mobilitätsverhalten aussieht, dürfte nicht schwer zu erraten sein. #Klimamusterstadt

Mobilität bedeutet Reichtum, Wohlstand, Austausch von Kulturen

Das ist für Alltagsmobilität arg hochgegriffen. Und wir sollten nicht vergessen: trotz Milliardeninvestitionen in neue Straßen sind Menschen in ihrem Alltag nicht mobiler als vor ein paar Jahrzehnten: sie legen immer noch im Schnitt 2,6 Wege pro Tag zurück und brauchen dafür im Schnitt konstant 80 min. Es sind schlicht die Wege weiter geworden, ein Durchschnittsmensch ist in Österreich nicht mobiler als vor 20, 30 Jahren - denn wäre er es, gäbe es eben mehr Wege pro Tag. Und ist es wirklich erstrebenswert, einfach weiter fahren zu müssen, um das gleiche zu tun (Einkaufen, Arbeiten etc.)?

Je besser das Öffi-Angebot in den Ballungsgebieten ist, desto größer der Umstiegswille. Aber die derzeit propagierte Studie des VCÖ sagt auch, dass es am Stadtrand deutlichen Verbesserungsbedarf gibt (das hat auch schon die AK-Studie festgestellt).

Stimmt einerseits, aber reicht eben nicht. Das Prinzip des induzierten Verkehrs gilt natürlich auch bei den Öffis. Wenn dann einfach mehr Leute Öffis fahren, es aber nicht weniger Autoverkehr gibt, ist nichts gewonnen. Die Kapazität im gesamten Verkehrssystem darf schlicht nicht stärker wachsen als die Bevölkerungszahl.