Autor Thema: Elon Musks wirre Ideen  (Gelesen 2896 mal)

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Elon Musks wirre Ideen
« am: 17. März 2018, 16:55:33 »
ich teile hier einen Facebook-Beitrag von Volker Plass (Greenpeace Austria), weil er gut zusammenfasst, auf was Journalisten und zukunftsgläubige Fantasten gerne reinfallen. Im Artikel sind die wichtigsten Argumente mal gut zusammengefasst, deswegen ist es wert, ihn hier aufzuheben. Die vier Bilder unten sind von der Innotrans 2016 in Berlin, die lachhaften Propaganda-Modelle zeigen dem Fachmann auf den ersten Blick, wie wenig da dahintersteckt.


ELON MUSK – DIESER BLENDER!

Oder: Wie jene, die im Physik-Unterricht nicht aufgepasst haben, von einem Autoverkäufer angeschwindelt werden.

Wir sollten endlich einmal mit den verkehrspolitischen Hirngespinsten von Elon Musk aufräumen: Jeder Gehirnfurz, der diesem Herrn entfleucht, wird auch von seriösen Medien weitertransportiert wie die Worte Gottes. Und das, obwohl in seinen Konzept-Studien (die ja eher als Design-Studien daher kommen) oft ganz prinzipielle physikalische und geometrische Tatsachen ignoriert werden.

Wir erinnern uns zum Beispiel an das vollkommen irreale hyperloop-Projekt, bei dem Elon Musk Passagier-Kapseln nahe an der Schallgeschwindigkeit über hunderte Kilometer durch extrem dünnwandige Metallröhren mit Hochvakuum schießen möchte. (Warum das niemals funktionieren kann, sieht man hier: http://bit.ly/2aqGbvU.)

Jetzt sollen von Elon Musks Boring Company also amerikanische Großstädte untertunnelt werden. Dass bei der anschließenden Versenkung der Verkehrsteilnehmer »Fußgänger und Radfahrer gegenüber Autos priorisiert werden« sollen, ist total entzückend! Genau das ist Verkehrs-Philosophie aus dem letzten Jahrhundert: Freie Fahrt für (Elektro-)Autos, und die Menschen kommen gefälligst unter die Erde!

Um nicht falsch verstanden zu werden: Was die Perfektionierung etablierter und Jahrzehnte alter Technologien betrifft (E-Motoren, Raketenantriebe …), ist Elon Musk ein genialer Unternehmer. Das Problem besteht darin, dass Elon Musk mit einer Technik- und Fortschrittsgläubigkeit, die an billige Science-Fiction-Heftchen der 50er Jahre erinnert, auch unsere Verkehrsprobleme lösen möchte.

Dabei bietet er jedoch bestenfalls das an, was noch nie funktioniert hat: zusätzliche Verkehrsflächen und höhere Geschwindigkeiten.

Elon Musk hat auch das Prinzip des öffentlichen Verkehrs nicht verstanden oder ignoriert es beharrlich: All jene Dinge, die ihn daran offensichtlich nerven (viele fremde Menschen, moderate Geschwindigkeiten, Mindestabstand zwischen den Stationen, keine punktgenaue Zielerreichung …) sind nicht die Probleme des öffentlichen Verkehrs, sondern dessen Wesensmerkmale und Erfolgsvoraussetzungen.

Was soll denn jetzt schon wieder dieses »Urban Loop System« sein??? Man sieht zum Beispiel in diesem Video (http://bit.ly/2GbBV3R) Autobusse, die mit 200 km/h durch unterirdische Tunnelsysteme flitzen und angeblich über »tausende Klein-Stationen in Parkplatzgröße« mit der Oberfläche verbunden sind.

Abgesehen davon, dass bei Untergrund-Verkehrssystemen gerade die Stationen das teuerste und komplizierteste sind, gibt es dabei über jede Diskussion erhabene physikalische Rahmenbedingungen: Wenn man ein Fahrzeug, in dem Personen nicht angeschnallt sitzen oder sogar stehen (siehe Video!) mit 200 km/h betreiben möchte, braucht man mindestens einen halben Kilometer Beschleunigungs- und Bremswege vor und nach jeder Station.

Damit sind diese Stationen aber bereits einen Kilometer voneinander entfernt, was auf normale U-Bahn-Stationen ja auch zutrifft, die jedoch zu Stoßzeiten hunderte Personen aufnehmen und nicht nur einige wenige. Außerdem muss man einen doppelt so breiten Tunnel graben, um Platz für die Auf- und Abfahrten zu schaffen.

Sollte es aber tatsächlich alle paar Meter eine solche Klein-Station geben, bräuchte man für jede einzelne von ihnen wohl eine eigene, mit anderen Auffahrten kreuzungsfreie Beschleunigungsstrecke. Wie soll diesbezüglich die Geometrie aussehen?

In diesem Video sieht man genau, wie uns Elon Musk anschwindelt: http://bit.ly/2tVwxzr.

Bei Sekunde 0:05 sieht man an der Oberfläche etliche Klein-Stationen hintereinander. Bei Sekunde 0:23, nachdem das Fahrzeug versenkt wurde, sind diese Stationen plötzlich wie von Zauberhand verschwunden. Weil es sie aus ganz simplen geometrischen Gründen gar nicht geben kann.

Was auch sehr lustig ist: Das zu versenkende Auto fährt auf eine Plattform, mit der es hinabbefördert und dann im Untergrund weitertransportiert wird. Das bedeutet aber: Entweder man stapelt bei jeder dieser Klein-Stationen etliche solcher Plattformen und baut auch eine entsprechende Nachlade-Vorrichtung, oder die einzige existierende Plattform fährt einfach mit, wodurch sie natürlich die Funktion der gesamten Station vollkommen zunichte macht. Man stelle sich einen konventionellen Bahnhof vor, bei dem mit der Abfahrt des ersten Zuges auch gleich der gesamte Bahnsteig mit eingepackt wird! Wie viele weitere Züge werden dann noch abfahren?

Es sind diese billigen Schmähs, mit denen Elon Musk die Menschen verarscht. Er macht sie glauben, dass man sich mit Technologie nicht nur an die Grenzen der Physik und der Geometrie begeben kann, sondern auch im Stande ist, diese ganz außer Kraft zu setzen.

Was ich Elon Musk durchaus zutraue ist, dass seine Boring Company der Gesellschaft eine effizientere, billigere und rascher arbeitende Technologie zur Verfügung stellen kann, um klassische U-Bahn-Tunnel zu graben. Aber auch dadurch bleibt ein U-Bahn-System noch immer ein U-Bahn-System – mit all seinen spezifischen Eigenheiten.

Wenn uns Elon Musk einreden will, dass man quasi eine U-Bahn von Haus zu Haus bauen kann, schlägt er im Wesentlichen vor, an der Oberfläche wenig zu verändern, aber dasselbe Individual-Verkehrssystem mit viel größeren Kosten und Problemen noch einmal unter der Erde zu errichten. Die Vervielfachung des Problems war aber noch nie eine Lösung. Eine exzellente Analyse dazu findet man hier: http://bit.ly/2p4o0I7.

Elon Musk ist natürlich nicht dumm. Ich vermute, dass er ganz genau weiß, was er tut. TESLA ist nach wie vor ein Konzern, dessen Geschäftserfolg hauptsächlich auf den (vermutlich berechtigten) Hoffnungen seiner Aktionäre gebaut ist. Elon Musk muss also ein erfolgreicher Autoverkäufer sein, um mit seinem TESLA endlich auch einmal Gewinne und nicht nur ständig Milliardenverluste zu erwirtschaften.

Das funktioniert umso besser, je mehr man davon ablenkt, dass auch ein noch so toll designtes und mit genialem Marketing aufgeblasenes Elektro-Auto das ist, was Autos nun einmal sind: eine seit langem etablierte, für die Großstadt weitgehend ungeeignete Technologie.

Also muss diese in ein extrem visionäres Kommunikations-Umfeld eingebettet werden, das uns suggeriert, es handle sich bei den Ideen von Elon Musk nicht nur um alten Wein in neuen Schläuchen, sondern um einen prinzipiellen, fast ans Paradiesische grenzenden Technologiewechsel.

Genau deshalb treibt Elon Musk ständig solche verkehrspolitischen Wollmilchsäue durchs Dorf. Und er freut sich, dass fast alle Menschen, die im Physik-Unterricht nicht aufgepasst haben, begeistert sind.

Harald A. Jahn, www.tramway.at

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Z-TW

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Re: Elon Musks wirre Ideen
« Antwort #1 am: 17. März 2018, 17:15:04 »
Jo mei - bei uns redet man halt U-Bahnen entlang von Schnellbahnen das Wort, schwärmt von einem Basistunnel unter dem Leithagebirge oder einer unterirdischen Bahntrasse in Fischamend  - also auch nicht viel intelligenter.

haidi

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Re: Elon Musks wirre Ideen
« Antwort #2 am: 17. März 2018, 17:52:11 »
Er hat Anleihe bei einem gewissen Christoph Müller (?) und dessen Astraiol genommen. Dieser will den VAE-Verkehr (viel auf einmal, damit meint er klassische Eisenbahnzüge) ablösen durch Plattformen, auf die man in den Stationen mit dem Auto drauf fährt und in die Kolonne eingefädelt wird. Die Kolonnen fahren mit 130 km/h, wobeihttp://www.tramway.at/ zwischen den einzelnen Plattformen kein Abstand notwendig sei. Die Weichen werden umgestaltet, es gibt keine Weichenzugen mehr sondern zwei Leitschienen und die Plattform bestimmt die Richtung durch absenken eines Teiles, dass auf die entsprechende Leitschiene die Plattform in die richtiige Richtung ablenkt.
So in etwa das Grundprinzip.
http://www.astrail.de/railtaxibilder.htm

Ich sehe gerade, dass er die Weichen umgebaut hat und zwei Radsätze verwenden will.
Alle sagten es geht nicht - dann kam einer, der das nicht wusste und probierte es - und es ging

N1

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Re: Elon Musks wirre Ideen
« Antwort #3 am: 17. März 2018, 18:22:45 »
Wir leben halt aktuell in einer an nützlichen Innovationen und Erfindungen armen Zeit. Die fortschrittsgläubigen Zeitgenossen klammern sich daher umso verbissener an fragwürdige "Errungenschaften" wie den 3D-Drucker (so als ob die Dinger kurz davor wären, sich zu Replikatoren zu entwickeln, wie man sie von Star Trek her kennt) oder auch die Drohne (oder *hust* den E-Paper-Fahrplan). Über den smarten Häusldeckel werden ganze Artikelserien ersonnen: Wie toll doch dessen KI (Trendkürzel!) ist, welche Gefahr für den Datenschutz besteht (Landen Popschbilder von mir im Netz?) und ob sich dereinst (in der Vorstellungswelt eines Wissenschaftsjournalisten, der etwas auf sich hält, eher früher als später) alle smarten Häusldeckel dieser Welt gegen die Menschheit verbünden werden. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass so viele einem Scharlatan wie dem Herrn Musk auf den Leim gehen.
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Rodauner

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Re: Elon Musks wirre Ideen
« Antwort #4 am: 17. März 2018, 20:08:40 »
schwärmt von ... einer unterirdischen Bahntrasse in Fischamend.

im Inntal ist eine solche "Schwärmerei" bereits seit längerem Realität!
Du sollst hinter der gelben Linie bleiben, Wappler!

moszkva tér

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Re: Elon Musks wirre Ideen
« Antwort #5 am: 18. März 2018, 07:09:22 »
Wir leben halt aktuell in einer an nützlichen Innovationen und Erfindungen armen Zeit.

Es gäbe schon viele tolle Innovationen derzeit. Ob sie nützlich sind, hängt nicht nur davon ab, was sie können, sondern auch, wie man sie nützt und wie/ob man sie braucht.
Die Innovation ist aber eine Sucht. Man braucht immer mehr und immer schneller eine technische Revolution.

Elon Musk ist kein Charlatan, aber ein ausgezeichneter Marketing-Mensch. Hauptsache in die Medien, egal um welchen Preis.

nord22

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Re: Elon Musks wirre Ideen
« Antwort #6 am: 18. März 2018, 10:41:41 »
Nichts neues - der Wiener Bürgermeister Franz Jonas träumte Anfang der 60er Jahre von einer Umstellung der Wiener Stadtbahn auf Alwegbahn, nachdem sich die Stadt Wien mit der Beschaffung der Typen N1 und n2 für die Stadtbahn weltweit lächerlich gemacht hatte... Die sagenhafte Alwegbahn gab es dann für kurze Zeit als Attraktion auf der WIG 74 und die N1 und n2 landeten nach relativ kurzer Nutzungsdauer beim Alteisen.

nord22

coolharry

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Re: Elon Musks wirre Ideen
« Antwort #7 am: 18. März 2018, 12:04:15 »
Wenn alle Menschen die Eintellung eines Wiener hätten, dann würd ma heute alle noch im Wasser leben. Sauerstoff atmen. Pff Neumodisches klumpert.  8)
Man braucht Visionen um was weiter zu bringen und nicht jede Vision ist brauchbar aber ohne würden wir wirklich noch in Höhlen hausen. Und der Hr. Musk ist halt ein Visionär und andere dürfen die Zeche zahlen. Aber es gab schon immer die Edisons und die Teslas. Erstere wurden mit der Technik anderer reich und letztere hatten die Visionen und das Talent.
Das Glück ist ein Vogerl. Wenns knallt ist es weg.

W_E_St

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Re: Elon Musks wirre Ideen
« Antwort #8 am: 22. März 2018, 17:43:29 »
Jöh, das Railtaxi... das scheitert schon an der simplen Frage was passiert, wenn diese lustige Fahrweg-Wahlkonstruktion einmal nicht ordentlich funktioniert. Ich halte die Entgleisungswahrscheinlichkeit für weit höher als bei einer konventionellen Vollbahnweiche. Der einzige Grund für diesen absurden Klimmzug war, das Weichenstellen vom Stellwerk (zentral ist böse, Großkonzerne und so!) ins Fahrzeug zu verlegen, ohne dabei mit der festen Infrastruktur kommunizieren zu müssen - Fernsteuerung von Weichen ist ja bei Tramwaybetrieben seit über 100 Jahren im Praxiseinsatz.

Am nähesten kommen dem Traum solcher Leute eigentlich noch Schlafwagenabteile in Zügen mit Kurswagen. Da hat man das Abteil für sich alleine (oder zu zweit, ganz nach Wunsch) und kommt so weit wie möglich von A nach B. Nur von Haustür zu Haustür kann halt nicht funktionieren.
"Sollte dies jedoch der Parteilinie entsprechen, werden wir uns selbstverständlich bemühen, in Zukunft kleiner und viereckiger zu werden!"

(aus einer Beschwerde über viel zu weit und kurz geschnittene Pullover in "Good Bye Lenin")