Autor Thema: Pendlerströme um Wien  (Gelesen 7797 mal)

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Re: Pendlerströme um Wien
« Antwort #90 am: 30. März 2019, 17:33:19 »
Dazu müsste allerdings das ÖV-Angebot erst massiv verbessert werden. Es gibt im Wiener Umland noch immer jede Menge Ortschaften, die vom Postbus nur ein paar Mal täglich und am Wochenende gar nicht bedient werden. Nona wird da fast jeder mit dem Auto fahren.

Geh bitte, tun wir nicht so als ob die Leute ungern Autofahren würden. Jeder Politiker, der die Öffi-Anbindung verbessert, kann sich auf die Abwahl gefasst machen, weil dann das große Pendlerpauschale weg ist. Ist ja kein Zufall, dass die Busse nur zu Schulzeiten und nicht zu Büroschluss fahren.

highspeedtrain

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Re: Pendlerströme um Wien
« Antwort #91 am: 30. März 2019, 19:56:58 »
Dazu müsste allerdings das ÖV-Angebot erst massiv verbessert werden. Es gibt im Wiener Umland noch immer jede Menge Ortschaften, die vom Postbus nur ein paar Mal täglich und am Wochenende gar nicht bedient werden. Nona wird da fast jeder mit dem Auto fahren.

Geh bitte, tun wir nicht so als ob die Leute ungern Autofahren würden. Jeder Politiker, der die Öffi-Anbindung verbessert, kann sich auf die Abwahl gefasst machen, weil dann das große Pendlerpauschale weg ist. Ist ja kein Zufall, dass die Busse nur zu Schulzeiten und nicht zu Büroschluss fahren.

Hast du Daten, wie viele das große Pauschale bekommen? Ich muss so was regelmäßig bestätigen, und das ist - obwohl bei uns fast alle pendeln - die absolute Minderheit; fast alle bekommen das kleine. Trotzdem fahren sehr viele Auto (und ich - ihre Arbeitswege kennend - verstehe es großteils).

highspeedtrain

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Re: Pendlerströme um Wien
« Antwort #92 am: 30. März 2019, 20:42:47 »
Es gibt keine planmäßig gebildeten Züge, in denen man ab Mistelbach oder Stockerau keinen Sitzplatz findet. Lasse mir tw. ab Wolkersdorf (dann bis Leopoldau) oder ab Korneuburg (in Ausnahmefällen ab Stockerau), dann bis Floridsdorf einreden.

Mag sein, auf der Westbahn (über die NBS) und auf der Südbahn ist das aber alltäglich. Wobei der Westbahn-FV wahrscheinlich der einzige Fall in Österreich ist, wo der Zug im Vergleich zum Auto so viel attraktiver ist, dass Stehen akzeptabel ist.

Ganz abgesehen davon, dass das Ziel dieser Diskussion (das ich teile) ja wohl ist, dass möglichst viele auf den ÖV umsteigen (jetzt von den Fundis, die gerne harte Strafe für Pendler hätten, mal abgesehen). Beim derzeitigen Zustand der Infrastruktur stehen die Leute dann aber recht bald auch ab Mistelbach und Stockerau. Ein bisschen in die Zukunft schauen wäre halt nicht schlecht. Der ÖV rund um Wien hat derzeit nicht die geringste Chance, einen signifikanten Teil der Autopendler aufzunehmen, da würde sehr viel zu tun sein (und auch das würde ich begrüßen).

Z-TW

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Re: Pendlerströme um Wien
« Antwort #93 am: 30. März 2019, 21:16:54 »
Der ÖV rund um Wien hat derzeit nicht die geringste Chance, einen signifikanten Teil der Autopendler aufzunehmen, da würde sehr viel zu tun sein (und auch das würde ich begrüßen).

Du übersiehst, dass die Unmenge der Autos, die auf den diversen P&R-Parkplätzen rund um Wien stehen, den Autoverkehr in Wien zusammenbrechen lassen würden, würden die alle mit dem Auto in die Stadt fahren! Die trotzdem nach Wien mit dem Auto fahren, sollten den Umsteigern dankbar sein!

abc

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Re: Pendlerströme um Wien
« Antwort #94 am: 31. März 2019, 07:49:54 »
@ highspeedtrain-> volle Zustimmung :up:
Die steigenden Immobilienpreise sind mit ein Grund, warum ich heuer noch auf's Land ziehe!
Ich habe absolut keine Lust, mein Leben lang Miete zu zahlen und Eigentum ist in Wien, wenn man nicht bis zum Ende seines Lebens einen Kredit zurückzahlen möchte, unfinanzierbar (zumindest für mich-und ich verdiene deutlich mehr als beispielsweise eine Supermarktkassierin)
Nur so als kleine Anmerkung:
Für den Preis eines vergleichbaren Eigentums in Wien kann ich von meinem neuen Domizil 26 Jahre mit dem PKW (inkl alle 5 Jahre ein neuer PKW) täglich nach Wien pendeln-exklusive erhalt der Pendlerpauschale!
Anm.: Ja, das habe ich mir vor Kauf der Immobilie extra ausgerechnet und habe dazu auch die Preissteigerungen der letzten Jahre berücksichtigt.

Aber genau das ist ja das Problem: dass Pendeln staatlich belohnt wird, arbeitsplatznahes Wohnen jedoch nicht. Und diese umweltpolitische Idiotie wird in Österreich nochmal dadurch gesteigert, dass von der Zersiedlungspauschale auch noch die Nutzern des umweltschädlichsten Verkehrsmitteln besonders stark profitieren. Jemand, der eine höhere Wohnkosten trägt, um einen kurzen Weg zur Arbeit zu haben und diesen mit den Öffis oder gar zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückzulegen, bekommt sehr viel weniger bis gar nichts. Jemand, der zur weiteren Zersiedlung beiträgt und Tag für Tag mit dem Auto 120 km zurücklegt, bekommt 2.000-3.600 EUR in den Rachen geworfen. Das ist, verbunden mit der in Österreich praktisch nicht vorhandenen Raumordnungspolitik, kompletter Wahnsinn; in umwelt- und gesundheitspolitischer, aber auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht: gerade langes Pendeln ist alles andere als gesund (es sagt viel über das Bewusstsein dafür in Österreich aus, dass bei der Google-Suche nach "gesundheitliche Folgen Pendeln" zumindest auf der ersten Seite nur deutsche Homepages verlinkt werden), und die neu zu schaffende Infrastruktur für die neuen Bauten und Siedlungsgebiete (Straßen, Elektrizität, Wasser und Abwasser, Kommunikationsleitungen, ggf. Fernwärme) müssen ja in Bau und Betrieb auch finanziert werden.

Das Umweltbundesamt hat ganz gut die Probleme der Zersiedlung zusammengefasst: http://www.umweltbundesamt.at/umweltsituation/raumordnung/rp_flaecheninanspruchnahme/
Vielleicht sollte man auch mal inhaltlich auf es hören statt vor allem zu diskutieren, wo es sitzt...

Überfüllte Züge gehen im Großraum London, wo man mit dem Auto mindestens doppelt so lange bräuchte und es exorbitant teuer wäre, aber (derzeit noch) nicht in Wien, wo man in der Früh vielleicht 10 Minuten staut, ansonsten aber gut durchkommt. [...]
Ach, eine realistische Betrachtung ist doch von etlichen hier gar nicht erwünscht, da geht es nur um Ideologie, natürlich aber nur bei den anderen... Steigende Wohnungspreise werden da genauso ignoriert, wie schlechte ÖV-Verbindungen....

Ich halte es eher für Ideologie, ganz fest die Augen vor den grundfalschen Anreizen zu verschließen, die die Steuerpolitik setzt. Exorbitant teuer ist die Autonutzung in London übrigens deshalb, weil man hier erkannt hat, dass die Autonutzung vor allem in der Stadt ein Problem ist (vielleicht würdest Du es "Ideologie" nennen). Vielleicht wäre das ein Ansatz für Wien: das Befahren der Stadt (also jeweils ab der Ortstafel, so dass z.B. die Tangente ausgenommen ist [um keine Probleme mit dem Bund zu bekommen]) muss einfach so teuer sein, dass es deutlich teurer als der höchste Satz der großen Pendlerpauschale ist: 20 EUR pro Tag, 7.000 EUR pro Jahr.

highspeedtrain

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Re: Pendlerströme um Wien
« Antwort #95 am: 31. März 2019, 09:14:41 »
@abc

Ideologie ist es, unabhängig von den jeweils individuellen Umständen immer wieder das gleiche zu fordern und auch über alle Gegenargumente und Widerstände hinweg durchdrücken zu wollen (so funktionieren auch Religionen...).

Ich habe bereits vorgeschlagen, dass jemandem, der in Wien wohnt und arbeitet, (zumindest die ersten zB 10 Jahre) kein Pendlerpauschale zusteht, wenn er aufs Land zieht und dann rein pendelt. Ich wäre auch für eine Citymaut zu haben.

Für nicht sinnvoll halte ich es, einem Waldviertler, der nur in Wien einen adäquaten Job findet, durch Steuermaßnahmen das Pendeln auszutreiben. Ich kann beim besten Willen kein Interesse daran erkennen, das Waldviertel zu entvölkern und noch mehr Menschen in den Wiener Großraum zu treiben (dass es natürlich Sinn macht, die Bahnverbindungen so auszubauen, dass der Waldviertler - wenn überhaupt- mit dem Auto nur bis zum nächsten Bahnhof fährt, steht auf einem anderen Blatt Papier; wenn das mal passiert ist, macht auch die Citymaut oder eine kilometerabhängige Autobahnmaut Sinn).

Die Gelbwesten-Proteste in Frankreich haben so begonnen, dass es der Landbevölkerung gereicht hat, dass ihnen die städtischen Eliten ständig erklären, wie sie zu leben haben, ohne dass sie irgendeine Ahnung von den tatsächlichen Umständen haben (konkret ging es um höhere Benzinpreise - als Stadtmensch, der das Auto nicht braucht oder eh so viel verdient, dass es ihn nicht juckt, kann man das ja leicht fordern). Die Tendenz sehe ich auch hierzulande - warum das Land tendenziell ganz anders und viel populistischer wählt als die Städte, ist auch klar.

Klingelfee

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Re: Pendlerströme um Wien
« Antwort #96 am: 31. März 2019, 09:25:07 »
@abc

Ich habe bereits vorgeschlagen, dass jemandem, der in Wien wohnt und arbeitet, (zumindest die ersten zB 10 Jahre) kein Pendlerpauschale zusteht, wenn er aufs Land zieht und dann rein pendelt. Ich wäre auch für eine Citymaut zu haben.


Damit fördert du aber auch indirekt eine Entvölkerung. Denn damit erschwerst du die Nachnutzung von elterlichen Häusern/Wohnungen am Lande. So würde ich es mir zum Beispiel nochmals überlegen, ob ich dann nach dem Tod meiner Mutter wirklich das Haus das Haus übernehme und zum Pendeln anfange.

Ende vom Lied. Die Ortschaft hätte nach dem Tod meiner Mutter wieder eine Bewohner weniger und ein über längere Phasen leerstehendes Haus mehr.

Und ich denke, es gibt mehr Kinder, die aus schulischen/beruflichen Gründen in die Stadt gezogen sind und dann später einmal die Liegenschaften der Eltern im Umland von Wien übernehmen wollen, wenn diese eben in ein Wohnheim umziehen, bzw verstorben sind.
Bitte meine Kommentare nicht immer als Ausrede für die WL ansehen

abc

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Re: Pendlerströme um Wien
« Antwort #97 am: 31. März 2019, 10:05:33 »
Für nicht sinnvoll halte ich es, einem Waldviertler, der nur in Wien einen adäquaten Job findet, durch Steuermaßnahmen das Pendeln auszutreiben. Ich kann beim besten Willen kein Interesse daran erkennen, das Waldviertel zu entvölkern und noch mehr Menschen in den Wiener Großraum zu treiben (dass es natürlich Sinn macht, die Bahnverbindungen so auszubauen, dass der Waldviertler - wenn überhaupt- mit dem Auto nur bis zum nächsten Bahnhof fährt, steht auf einem anderen Blatt Papier; wenn das mal passiert ist, macht auch die Citymaut oder eine kilometerabhängige Autobahnmaut Sinn).

Dann sollte man aber überlegen, wie man Jobs ins Waldviertel bringt, nicht wie man die Waldviertler Tag für Tag nach Wien bringt.

Die Gelbwesten-Proteste in Frankreich haben so begonnen, dass es der Landbevölkerung gereicht hat, dass ihnen die städtischen Eliten ständig erklären, wie sie zu leben haben, ohne dass sie irgendeine Ahnung von den tatsächlichen Umständen haben (konkret ging es um höhere Benzinpreise - als Stadtmensch, der das Auto nicht braucht oder eh so viel verdient, dass es ihn nicht juckt, kann man das ja leicht fordern). Die Tendenz sehe ich auch hierzulande - warum das Land tendenziell ganz anders und viel populistischer wählt als die Städte, ist auch klar.

Allerdings ist es auch ein völlig legitimes Anliegen der Stadtbevölkerung (die mitnichten nur "Elite" ist - wissenschaftliche Mitarbeiter, die sich von Befristung zu Befristung kämpfen, sind sicher keine Elite), gesund zu leben. Denn das, was oft als großer Vorteil des Landes beschworen wird, die gute Luft, möchten eben jene, die davon profitieren, anderen nicht zugestehen (so herum kann man das nämlich auch lesen). Denn sonst könnten sie für bessere Öffis statt niedrigerer Benzinpreise kämpfen. Eben jener Egoismus, den sie den bösen Stadtbewohnern, der vermeintlichen Elite, vorwerfen, scheint bei ihnen viel stärker ausgeprägt.

Zurück nach Österreich: wenn man sich einmal anschaut, welche Parteien gerade die Bundesregierung stellen und wo diese vor allem gewählt werden, ist es sicher nicht die Stadtbevölkerung, die gerade übermäßig großen Einfluss auf die Bundespolitik hat.

highspeedtrain

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Re: Pendlerströme um Wien
« Antwort #98 am: 31. März 2019, 10:07:57 »
@Klingelfee

Auch das ist eine total legitime Sichtweise. Wobei ich Citymaut etc sowieso erst dann für sinnvoll halte, wenn der ÖV auch passt, und dann wäre das von dir genannte Problem zumindest entschärft. Abgesehen davon - wenn man das Elternhaus erbt und weiternutzen kann, ist das üblicherweise finanziell im Vergleich zur Miete in Wien ein Vorteil und die Kosten des Pendelns hat man dann eh schon herinnen.

Insoweit halte ich den Grundgedanken des großen Pendlerpauschale, das nur zusteht, wenn der ÖV unzumutbar ist, eh für richtig (und an wütende Bürgerproteste, wenn der Busfahrplan verbessert wird und man das Pauschale verlieren könnte, kann ich mich nicht erinnern;), was nicht heißt, dass es nicht verbesserungsfähig wäre.

Auch ich bin der Meinung, dass der Staat ein Wegziehen vom Arbeitsort nicht subventionieren sollte. Sehr wohl meine ich aber, dass es ein öffentliches Interesse gibt, Menschen zu unterstützen, Arbeit zu finden, auch wenn sie weiter weg ist (das Ideal wäre natürlich auch am Land der Arbeitsplatz vor Ort, aber das ist halt nicht immer so leicht)

Ganz abgesehen davon: User 360 hat zu recht darauf hingewiesen, dass die Wohnkosten in Wien mittlerweile so hoch sind, dass für viele ein Hinausziehen auch ohne jede Art von steuerlicher Vergünstigung attraktiv ist.

Deswegen haben mMn Pauschalrezepte hier keinen Platz; dazu ist das Thema deutlich zu komplex.

T1

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Re: Pendlerströme um Wien
« Antwort #99 am: 31. März 2019, 12:07:13 »
Schaut so aus, als hätten einzige (wenige!!!) Leute hier diese Diskussion gehijakt, die sich zwar sehr gerne ihre Pension von den Jungen zahlen lassen, aber  ihnen gleichzeitig das Recht absprechen, ein Leben auf vergleichbarem Standard zu leben, wie sie es selbst genossen haben... und ihnen sogar verwehren wollen, jene Kinder zu kriegen, die ihnen dann die eigene Pension zahlen...  Manche Wut in der Gesellschaft - und der Niedergang mancher politischer Strömungen (obwohl ich das persönlich katastrophal finde) - sollte vielleicht doch nicht mehr überraschen.
Ich vermute, dass du dich hierbei auch auf mich beziehst, daher: Es geht mir überhaupt nicht darum, irgendjemanden etwas nicht zu gönnen. Ich plädiere nur für eine realistischere Sichtweise der Dinge. Der Standard der Elterngeneration derer, die jetzt ausziehen, ist für die städtischen Jungen oftmals gar nicht mehr erstrebenswert. Eigenes Auto? Wozu? Haus mit Garten? Maximal für die Kinder, die man heutzutage deutlich später bekommt. Es ist halt ein Wandel im gesellschaftlichen Bewusstsein, der eben auch zu teureren Miet- und Immobilienpreisen in der Stadt führt, weil es heutzutage eben normal ist, länger als Single zu wohnen. Und da braucht man halt keine 80 m2-Altbauwohnung im noblen Innenbezirk alleine, wie sie beispielsweise mein Vater dank alten Mietvertrag um kein Geld leisten konnte. Darum aber zu meinen, dass das kein vergleichbarer Standard mehr ist, wenn jemand in einer kleinen, dafür moderneren Wohnung lebt, ist halt eine Meinung derer, die überzeugt sind davon, dass sie den einzig richtigen Lebensweg genommen haben und nicht verstehen, dass die jüngere Generation andere Ansprüche hat. Nicht falsch verstehen: Ich bin der erste, der für leistbare Mieten ist (und ich bestreite auch nicht, dass es mittlerweile zu teuer ist). Aber nicht, weil ich vom Lebensentwurf des 20. Jahrhunderts ausgehe.

Und genau deswegen finde ich die Pauschalbegründung "Wohnen ist in der Stadt nicht leistbar" so verfehlt. Im Vergleich zu den nachgeschmissenen Mieten der 80er-Jahre mag das sein, die realistische Sichtweise ist aber: Wer in der Stadt wohnen will, kann es sich leisten, auch ohne reiche Eltern. Man setzt halt andere Prioritäten, es sind andere Sachen wichtig. Und dazu zählt mit Anfang 30 bei vielen keine Familie mehr, dafür reichen kleinere Wohnungen. Die Ansprüche haben sich halt verschoben. Und man zahlt dafür dann auch womöglich mehr als fürs Wohnen am Land, hat aber keine Kosten für Auto und Kind(er).

Und genau das zeigt das Beispiel von Linie 360 übrigens recht gut: keine Lust, mein Leben lang Miete zu zahlen und vergleichbares Eigentum. Das ist eine persönliche Entscheidung (!), was einem wichtiger ist. Und er entscheidet sich aktiv dafür, zu pendeln. Dann soll er, wenn es politisch einmal so weit ist, aber auch die gesellschaftlichen Folgekosten mitzahlen, egal ob finanziell (Citymaut) oder zeitlich (Pendlerpauschale nur für ÖV). Solche persönlichen Entscheidungen aber auf die Immobilienpreise in Wien zu gründen (vergleichbares Eigentum in Wien heißt wohl Ein- oder Mehrfamilienhaus mit Grünlage und Garten – na, dass eine solche Immobilie in Wien nicht leistbar ist, da brauche ich mir die PKW-Kosten dafür nicht ausrechnen, das weiß ich auch so) und so zu tun, als hätte man keine andere Entscheidung, ist falsch.

Übrigens ist Wien seit einiger Zeit jüngstes österreichisches Bundesland. Wenn die Stadt so unleistbar ist und nur der Ausweg aufs Land bleibt, wäre das nicht der Fall, oder?

highspeedtrain

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Re: Pendlerströme um Wien
« Antwort #100 am: 02. April 2019, 08:43:50 »
Schaut so aus, als hätten einzige (wenige!!!) Leute hier diese Diskussion gehijakt, die sich zwar sehr gerne ihre Pension von den Jungen zahlen lassen, aber  ihnen gleichzeitig das Recht absprechen, ein Leben auf vergleichbarem Standard zu leben, wie sie es selbst genossen haben... und ihnen sogar verwehren wollen, jene Kinder zu kriegen, die ihnen dann die eigene Pension zahlen...  Manche Wut in der Gesellschaft - und der Niedergang mancher politischer Strömungen (obwohl ich das persönlich katastrophal finde) - sollte vielleicht doch nicht mehr überraschen.
Ich vermute, dass du dich hierbei auch auf mich beziehst, daher: Es geht mir überhaupt nicht darum, irgendjemanden etwas nicht zu gönnen. Ich plädiere nur für eine realistischere Sichtweise der Dinge. Der Standard der Elterngeneration derer, die jetzt ausziehen, ist für die städtischen Jungen oftmals gar nicht mehr erstrebenswert. Eigenes Auto? Wozu? Haus mit Garten? Maximal für die Kinder, die man heutzutage deutlich später bekommt. Es ist halt ein Wandel im gesellschaftlichen Bewusstsein, der eben auch zu teureren Miet- und Immobilienpreisen in der Stadt führt, weil es heutzutage eben normal ist, länger als Single zu wohnen. Und da braucht man halt keine 80 m2-Altbauwohnung im noblen Innenbezirk alleine, wie sie beispielsweise mein Vater dank alten Mietvertrag um kein Geld leisten konnte. Darum aber zu meinen, dass das kein vergleichbarer Standard mehr ist, wenn jemand in einer kleinen, dafür moderneren Wohnung lebt, ist halt eine Meinung derer, die überzeugt sind davon, dass sie den einzig richtigen Lebensweg genommen haben und nicht verstehen, dass die jüngere Generation andere Ansprüche hat. Nicht falsch verstehen: Ich bin der erste, der für leistbare Mieten ist (und ich bestreite auch nicht, dass es mittlerweile zu teuer ist). Aber nicht, weil ich vom Lebensentwurf des 20. Jahrhunderts ausgehe.

1. Es war nicht persönlich gegen Dich, aber ein allgemeiner Unmut gegen Menschen, die es sich bequem eingerichtet haben, und jetzt allen anderen vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben.
2. Ich verstehe nicht, worauf Du hinauswillst. Wenn Du tatsächlich recht hast und alle Lebensentwürfe haben sich geändert, dann brauchen wir das Thema eigentlich nicht mehr diskutieren - es wird sich dann eh von selbst erledigen, weil mittelfristig alle Menschen glücklich sein werden, in kleinen Wohnungen in der Stadt zu leben, und nicht mehr aufs Land zu ziehen.

Ich bestreite überhaupt nicht, dass es diese Entwicklung gibt (und seien wir uns ehrlich, pendeln - egal ob mit Auto oder mit ÖV ist nicht der Spaß, als den ihn alle darstellen), aber erstens bezweifle ich, dass es (derzeit noch) über die Bobo-Blase hinausgeht, zweitens glaube ich nicht, dass jene, die gerne auf ein Auto verzichten, dann auch zu viert auf 80 Quadratmeter wohnen wollen. Dieser Impuls hält so lange durch, bis sie Kinder bekommen, dann denken sie - und ich kenne viele solche Fälle - genauso wie die Generationen vor ihnen.

Zitat

Und genau deswegen finde ich die Pauschalbegründung "Wohnen ist in der Stadt nicht leistbar" so verfehlt. Im Vergleich zu den nachgeschmissenen Mieten der 80er-Jahre mag das sein, die realistische Sichtweise ist aber: Wer in der Stadt wohnen will, kann es sich leisten, auch ohne reiche Eltern. Man setzt halt andere Prioritäten, es sind andere Sachen wichtig. Und dazu zählt mit Anfang 30 bei vielen keine Familie mehr, dafür reichen kleinere Wohnungen. Die Ansprüche haben sich halt verschoben. Und man zahlt dafür dann auch womöglich mehr als fürs Wohnen am Land, hat aber keine Kosten für Auto und Kind(er).

Das Thema mit den Kindern zieht nicht, weil das hat sich einfach nur nach hinten verschoben. Ich  bin jetzt knapp Mitte 40. Als ich 30 war, hatte niemand in meinem Bekanntenkreis Kinder; jetzt gibt es nur mehr ganz wenige, die *keine* haben. Den Trend, mit zwei oder drei Kindern auf 80 Quadratmetern zu wohnen, sehe ich wie gesagt nicht. Und zur Leistbarkeit von Wohnungen: Du musst in einer anderen Stadt leben, als ich...

Zitat
Und genau das zeigt das Beispiel von Linie 360 übrigens recht gut: keine Lust, mein Leben lang Miete zu zahlen und vergleichbares Eigentum. Das ist eine persönliche Entscheidung (!), was einem wichtiger ist. Und er entscheidet sich aktiv dafür, zu pendeln. Dann soll er, wenn es politisch einmal so weit ist, aber auch die gesellschaftlichen Folgekosten mitzahlen, egal ob finanziell (Citymaut) oder zeitlich (Pendlerpauschale nur für ÖV). Solche persönlichen Entscheidungen aber auf die Immobilienpreise in Wien zu gründen (vergleichbares Eigentum in Wien heißt wohl Ein- oder Mehrfamilienhaus mit Grünlage und Garten – na, dass eine solche Immobilie in Wien nicht leistbar ist, da brauche ich mir die PKW-Kosten dafür nicht ausrechnen, das weiß ich auch so) und so zu tun, als hätte man keine andere Entscheidung, ist falsch.

Du irrst. Die Alternative zum Haus am Land ist in den allermeisten Fällen kein Haus in Wien, sondern eine halbwegs große Wohnung in halbwegs brauchbarer Lage (was dann einhergeht mit guten Schulen in der Nähe etc). Nur: Wenn die Alternative eine Wohnung in Strebersdorf oder Rodaun in der Seestadt ist, verstehe ich jeden, der sagt, dann ziehe ich noch ein paar Kilometer weiter und habe es schöner.

Zitat
Übrigens ist Wien seit einiger Zeit jüngstes österreichisches Bundesland. Wenn die Stadt so unleistbar ist und nur der Ausweg aufs Land bleibt, wäre das nicht der Fall, oder?

Das liegt eher an der Bevölkerungsstruktur und dem hohen Anteil an kinderreichen Familien mit Migrationshintergrund. Es ist richtig, die können sich immer irgendwie eine Wohnung leisten, aber keine, in der der durchschnittliche Österreicher auch wohnen würde - und integrationsfördernd ist es sowieso nicht, eine riesige Gruppe auf niedrigere Wohnstandards zu verweisen, da werden die Ressentiments gerade erst geschürt.

Irgendwie ist deine Argumentation eine Mischung aus - IMHO - naivem Glauben, dass sich die Leute eh ändern und dann doch wieder der bevormundenden Art, die Menschen sollten sich halt einschränken, dann wird alles gut.

60er

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Re: Pendlerströme um Wien
« Antwort #101 am: 02. April 2019, 09:16:19 »
Nur: Wenn die Alternative eine Wohnung in Strebersdorf oder Rodaun ist, verstehe ich jeden, der sagt, dann ziehe ich noch ein paar Kilometer weiter und habe es schöner.
Was ist so schlecht an Rodaun? Gerade mit Kindern würde ich sofort dort hinziehen, da es eine schöne und ruhige Wohngegend und ein guter Kompromiss zwischen Grünlage und trotzdem noch Wien ist. Es gibt auch gute Schulen und alles was man als Famile braucht. Bei Quadratmeterpreisen von 1.000 Euro für ein Baugrundstück und 5.000 Euro für eine Eigentumswohnung muss man allerdings Millionär sein, um sich das heute noch leisten zu können.

Die allerwenigsten ziehen ins Umland, weil sie nicht in Wien bleiben wollen.

highspeedtrain

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Re: Pendlerströme um Wien
« Antwort #102 am: 02. April 2019, 09:30:10 »
Nur: Wenn die Alternative eine Wohnung in Strebersdorf oder Rodaun ist, verstehe ich jeden, der sagt, dann ziehe ich noch ein paar Kilometer weiter und habe es schöner.
Was ist so schlecht an Rodaun? Gerade mit Kindern würde ich sofort dort hinziehen, da es eine schöne und ruhige Wohngegend und ein guter Kompromiss zwischen Grünlage und trotzdem noch Wien ist. Es gibt auch gute Schulen und alles was man als Famile braucht. Bei Quadratmeterpreisen von 1.000 Euro für ein Baugrundstück und 5.000 Euro für eine Eigentumswohnung muss man allerdings Millionär sein, um sich das heute noch leisten zu können.

Die allerwenigsten ziehen ins Umland, weil sie nicht in Wien bleiben wollen.

Stimmt, Rodaun war ein schlechtes Beispiel, aber denken wir zB an die Seestadt. Wobei Rodaun insofern wieder ein gutes Beispiel ist, weil das Pendlerverhalten dort nicht so viel anders als im benachbarten NÖ, dh ein hoher Autoanteil.

Deinen letzten Satz unterschreibe ich aber zu 100%, das ist auch meine Erfahrung. An der Anforderung, dass in einer Wohnung ab einem gewissen Alter jedes Kind ein eigenes Zimmer haben solle, hat sich meiner Erfahrung nach nichts geändert, und das bedingt halt Wohnungen von 100-120m² aufwärts. Und die sind eben für viele nicht mehr leistbar.

Nicht zu unterschätzen ist im Übrigen - da schränke ich meine vorherige Aussage ein bisschen ein - zumindest bei Akademikern jene Gruppe, die zum studieren nach Wien gekommen ist, bis 30+ gerne hier lebt, dann Kinder bekommt und sich wünscht, sie sollen wie die Eltern auch am Land aufwachsen.

Mein Fazit: Die Motive fürs rausziehen sind unterschiedlich, aber selten eine Abneigung gegen Wien. Unterschiedliche Motive eignen sich aber nicht für Patentlösungen oder gar Vorgaben übers Lebensverhalten. Klar, manche finanzielle Anreize sind sehr schlecht gesetzt; daran sollte man arbeiten (wie gesagt, ich wäre der erste, der für eine Citymaut eintreten würde...). Ich bin aber trotzdem fest davon überzeugt, dass gute ÖV-Verbindungen immer noch das beste Instrument sind, weil es nun mal Pendler gibt und immer geben wird, und es allemal besser ist, sie fahren mit dem Zug nach Wien als mit dem PKW.

Wenn ein Druck entsteht, dass Leute in Wien bleiben, wird der im Übrigen eher aus NÖ kommen: Etliche Gegenden dort haben gar keine Lust, von Wienern überschwemmt zu werden, weil dann das Landleben und die dörfliche Gemeinschaft flöten gehen. Wenn sich das irgendwann auch in der Raumordnung auswirkt (und das Land NÖ geht schon erste Schritte dorthin, in dem sie den Grüngürtel um Wien verstärkt absichern), ist es mit den günstigeren Preisen dort auch vorbei. Was im Übrigen auch nicht unproblematisch ist, weil sich die Einheimischen dann auch nichts mehr leisten können (ich kenne Leute, die originär aus Dörfern in der Wiener Umgebung kommen und versuchen, Grundstücke, für ihre Kinder zu bunkern, weil sie davon ausgehen, dass sie in 20 Jahren, wenn die Kinder erwachsen sind, nicht mehr leistbar sind) - dann geht es dort auch zu, wie in vielen Tourismusgemeinden, wo die Einheimischen wegziehen müssen...

So zu tun, als gäbe es kein Leistbarkeitsproblem beim Wohnen, halte ich für Augenauswischerei. Es ist schon richtig . am Ende des Tages werden wir uns alle einschränken müssen, weil "ohne Geld ka Musi". Das ist aber nicht freiwillig, und wird für viel Unzufriedenheit sorgen - einerseits insbesondere gegenüber Zuwanderern ("jetzt nehmen sie uns nicht nur die Jobs, sondern auch die Wohnungen weg" - ich hoffe, es ist klar, dass ich persönlich so ein Vorurteil nicht teile!!), andererseits gegenüber der "goldenen Generation", die von den Eltern erbt und sich die Filetstücke am Wohnmarkt herauspickt. Was das politisch bedeutet, ist, denke ich klar.

Kleine Anekdote zum Abschluss: Wir haben uns vor einem Jahr eine halbwegs schöne Wohnung in einer Lage (trotz guten Einkommens an der Grenze unserer finanziellen Belastbarkeit), die eher als mittelmäßig gilt - aber hoffentlich aufstrebend ist - , leisten können - unsere beiden Nachbarinnen sind Anfang/Mitte 20 und haben ihre Wohnungen von ihren Eltern hingestellt bekommen. Da bekomme sogar ich Neidgefühle...